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Der Papst, die Armut und ihre Bekämpfung an den Punschständen

Der statistische Hauptsatz der Armutsdynamik lautet: Die Zahl der Armen bleibt immer gleich. Das ist wichtig, weil sonst der Ruf nach mehr Sozialstaat verstummt.

Während der Adventzeit wird wieder viel gesammelt und geholfen werden. Die allgegenwärtigen Punschstände sind zwar eine optische und olfaktorische Niederlage, aber die Menschen, die dort ihren Geschmack verleugnen und ihren Verstand betäuben, so sie vorher darüber verfügt haben, tun es für einen guten Zweck.

Kiwanis, Lions, Rotarier, Samariter und sonstige Charityprofis unterstützen mit der beeindruckenden Summe, die nach Abzug der bescheidenen Kosten für den flüssigen Sondermüll übrig bleiben muss, „good causes“: Alleinstehende Mütter bekommen finanzielle Unterstützung, Waisenhäuser, Flüchtlingseinrichtungen, Förderinstitute für Benachteiligte aller Art dürfen mit Zuwendungen rechnen.

Im Advent kümmern sich die Christen und diejenigen, die nicht mehr wissen, dass sie welche sind, besonders um die Armen. Weil die Weihnachtsgeschichte ihnen vor Augen führt, dass auch und gerade in den ärmlichsten Verhältnissen das Heilige und Heilende geboren werden kann. Ungefähr so würde es zumindest ein Diakon erklären, sagen wir bei seiner Ansprache an die Kinder anlässlich der Segnung der Adventkränze. Der, dem meine Familie am Samstagabend ausgeliefert war, sprach stattdessen darüber, dass Sexualität auch nicht alles sei, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls sind die Armen seit jeher ein besonderes Anliegen der Kirche. Bis der gegenwärtige Papst als Populist Gottes die Weltbühne betrat, wurde deshalb auch von einer satten Mehrheit der Bewohner unserer Wohlstands- und Wohlfahrtsgegenden die Caritas als die eigentliche Kirche gesehen, während alles, was mit Glaubens- und Sittenfragen in Verbindung gebracht werden konnte, im Verdacht stand, eigentlich in einer geschlossenen Anstalt für potenzielle Kinderschänder am besten aufgehoben zu sein.

Wer das eigentlich ist, „die Armen“, ist eine gute Frage. Sie wird in unseren Breiten statistisch beantwortet: Als arm bzw. armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügt. Das sind etwa 13 Prozent der Österreicher und 16 Prozent der Deutschen. Winand von Petersdorff hat in der gestrigen „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ darauf hingewiesen, dass es sich dabei um einen „politisch degenerierten Armutsbegriff“ handle. Fortschritte erfasse dieser relative Armutsbegriff kaum, und das solle er auch nicht: „Denn so lange Armut statistisch dargestellt werden kann, gibt es eine Legitimation für den Ausbau des Sozialstaates.“

Nicht staatliche Organisationen wie die Caritas haben in dieser Frage eine ambivalente Position: Sie fordern mit avancierter antikapitalistischer Rhetorik (der neue Präsident, Michael Landau, agiert auf diesem Feld noch deutlich lustvoller als sein Vorgänger, Franz Küberl) mehr Sozialstaat, wissen aber, wie wichtig auch für sie der statistische Hauptsatz der Armutsdynamik ist: Die Zahl der Armen bleibt immer gleich. Angesichts der gelegentlich brutalen Wettbewerbskultur in diesem Sektor will wohl keiner der Erste sein, der wegen Erfolgs in der Armutsbekämpfung Mitarbeiter auf die Straße setzen muss.

Sehr heikel war für die kirchlichen Armutsbekämpfer immer die Frage nach den Gründen für die Armut. Die irgendwo zwischen elegantem Bobo-Antikapitalismus und bodenständigem Urchristenkommunismus pendelnden Caritas-Vertreter haben spätestens seit dessen gerade weltweit bejubeltem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ den Papst auf ihrer Seite. Das herrschende Wirtschaftssystem sei „in der Wurzel“ ungerecht, schrieb der Papst, und er wiederholte andere Gemeinplätze der ökumenisch-antikapitalistischen Folklore. Selig darüber, vergaßen all die Besorgten, sich zu beklagen, dass Franziskus in allen „heißen Eisen“ die Position seines Vorgängers, des viel geschmähten „Panzerkardinals“ Ratzinger, vertritt.

Vielleicht haben sie es am Punschstand mit der Armutsbekämpfung übertrieben.

E-Mails an:office@michaelfleischhacker.at

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2013)