Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Zündstoff für die Türkei

Bildungspolitik in Türkei ist höchst umstritten. Grundlegende Reformschritte sind aufgrund der Politik nicht zu erwarten.

Die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie dürften in der Türkei für politischen Zündstoff sorgen. Trotz einiger Verbesserungen musste sich das Land mit dem 42. Platz in der Rangfolge zufrieden geben. Die Ergebnisse kommen zu einer Zeit, in der die Bildungspolitik das am heftigsten umstrittene politische Thema in Ankara ist. Die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will bis zum Herbst 2015 die so genannten „Dershane" abschaffen, private Paukschulen, die Schüler neben dem normalen Unterrricht auf die Zugangstests für Gymnasium und Universität vorbereiten.

Bildungsexperte Alper Dincer sagte der Online-Ausgabe der Zeitung „Hürriyet" nach Bekanntgabe der neuen Pisa-Resultate am Dienstag, die Türkei habe keine nennenswerten Fortschritte erzielen können. Besonders in der Mathematik sei es der Türkei nicht gelungen, Länder wie Griechenland, Kroatien, Serbien oder Israel zu überholen, kritisierte „Hürriyet". Die als Misserfolg gedeuteten Pisa-Ergebnisse werfen die Frage auf, an welcher Stelle das türkische Bildungssystem reformiert werden sollte.

Derzeit tobt zwischen der Regierung Erdogan und der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen ein heftiger Streit um die Bildungspolitik. Die Gülen-Bewegung betreibt viele „Dershane" (wörtlich: Häuser des Unterrichts) und protestiert gegen die geplante Umwandlung der Paukschulen in gewöhnliche Privatschulen.

Die Paukschulen sind eine Begleiterscheinung des türkischen Bildungssystems, das großen Wert auf auswendig gelerntes Wissen legt und in landesweiten Zugangstests über die schulische Zukunft von Millionen Kindern entscheidet. Im „Dershane" pauken die Schüler die Antworten auf die Testfragen dieser Prüfungen. Die Regierung argumentiert, die Paukschulen seien nicht mehr notwendig; Kritiker werfen Erdogan dagegen vor, auf dem Rücken der Schüler seine machtpolitische Auseinandersetzung mit der Gülen-Bewegung auszutragen. Grundlegende Reformschritte auf der Basis einer sachlichen Diskussion über die Pisa-Ergebnisse sind in diesem Klima nicht zu erwarten. (güs)