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Deutschland: Skrupel im „Bordell Europas“

Alice Schwarzer(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Die Feministin Alice Schwarzer hat eine heftige Debatte losgetreten: Ist Prostitution das Relikt einer inhumanen Gesellschaft?

Sexarbeit als Beruf wie jeder andere, bei dem man sich krankenversichern lässt und seinen Lohn einklagen kann: Das war die Absicht der rot-grünen Regierung, die Deutschland 2002 eines der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt verpasste. Doch statt Prostituierte aus ihrer Abhängigkeit zu befreien, profitierten fast nur ihre Ausbeuter. Menschenverachtender Flatrate-Sex boomt heute ebenso wie der Handel mit Mädchen aus Osteuropa.

Konservative Politiker klagen, aus Deutschland sei das „Bordell Europas“ geworden. Nun haben Union und SPD eine Verschärfung der Regeln vereinbart. Erstmals soll Freiern eine Strafe drohen, aber anders als in Frankreich nur dann, wenn sie von einer Zwangslage der Frau wussten.

Alice Schwarzer will mehr. Die Paradefeministin kämpft schon seit Jahren gegen das Gesetz. Nun sieht sie ihre Stunde gekommen. Über ihre Zeitschrift „Emma“ hat sie zur „Abschaffung“ der Prostitution aufgerufen. Auf dem Cover prangen Fotos von Prominenten, die sich ihrer Forderung anschließen: Senta Berger, Margarethe von Trotta, Wolfgang Niedecken, Maria Furtwängler, Margot Käßmann und Sarah Wiener.

Mit ihrem Fanal hat Schwarzer eine grundsätzliche Debatte losgetreten: Ist Prostitution das letzte Relikt einer inhumanen Gesellschaft, die Frauen als das „käufliche Geschlecht“ unterdrückt? Trägt niemand freiwillig sein Fleisch zu Markte? Bei fast allen ist Zwang im Spiel, behauptet Schwarzer: Wenn nicht Menschenhandel, dann sind es der Druck von Zuhältern, Wuchermieten der Bordellbesitzer oder einfach Schulden und materielle Not. Völlig falsch, kontern selbstbewusste Prostituierte aus Lobbyverbänden: Wir machen es fast alle aus freien Stücken und lassen uns nicht von einer selbst ernannten Retterin der Frauenehre unser einträgliches Geschäft kaputt machen.

Wer hat recht? Zwischen 200.000 und 400.000 Prostituierte gibt es in Deutschland, 50 bis 80 Prozent kommen aus dem Ausland. Am neutralsten können wohl Polizisten, denen das Milieu vertraut ist, die Lage einschätzen. Den Anteil der „Freiwilligen“ schätzen sie auf höchstens zehn bis 20 Prozent. Ihre Erfahrung legt den Schluss nahe, dass es sich bei den Lobby-Prostituierten eher um eine lautstarke Minderheit handelt, die sich von den männlichen Profiteuren der Branche instrumentalisieren lässt.

 

Allianz mit konservativen Politikern

Dass man das „älteste Gewerbe der Welt“ durch repressive Politik nicht so einfach aus der Welt schaffen kann, weiß freilich auch Schwarzer. Ausgerechnet die linke Frauenrechtlerin setzt auf die „gute alte Doppelmoral“: „Den konservativen Männern ist es wenigstens noch peinlich, ins Bordell zu gehen.“ So gerät die Speerspitze des Feminismus in eine kuriose Allianz mit Politikern aus CDU und CSU, für die das Gesetz immer schon den Untergang des Abendlandes bedeutet hat und die nun für die Rettung der katholischen Sexualmoral ins Feld ziehen.

Noch hält eine Mehrheit der Deutschen Prostitution für etwas allzu Menschliches, nicht für einen Ausdruck männlicher Dominanz und Gewalt. Wenn ein Mann seiner Lust freien Lauf lässt und eine Frau dafür ihren Körper feilbietet, seien das Lebensentwürfe, in die sich Staat und Gesellschaft nicht einzumischen haben. Eine Politik wie in Schweden, die allen die Moral aufzwingt, lehnen die meisten Deutschen bisher ab. Aber ihre Überzeugung gerät ins Wanken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)