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Frauen in der Kunst: Es wird besser – aber es wird nicht gut

Sind Künstlerinnen heute endlich gleichberechtigt? Einige Quotenfrauen lassen es vermuten. Im Grunde ist es aber immer noch erbärmlich.

Jahr für Jahr ging Jerry Saltz, Amerikas populärster und goschertster Kunstkritiker, durch die Überblicksausstellung im Museum of Modern Art. Und zählte dort, wie viele Bilder von Künstlerinnen hängen. Bei Eröffnung des Neubaus 2004 waren von 415 Werken auf zwei Stockwerken 20 von Frauen, weniger als fünf Prozent, stellte er damals fassungslos fest.

Es ging weiter bergab, 2006 waren es 19, 2007 nur noch 14. Dann kam eine neue Chefkuratorin – heute sind von 367 Werken 29 von Künstlerinnen. Besser, aber „immer noch unverzeihlich“, resümiert Saltz jetzt in seinem angeblich „allerletzten Wort“ zum Thema MoMA und die Frauen. Im Sommer hatte ich ihn noch gefragt, ob er die aktuelle Quote kennen würde – er verneinte, er habe keine Lust mehr, immer als Einziger dagegen anzuschreiben, es sei ihm langsam peinlich.

Einmal hat er es jetzt doch noch gemacht. Aber die Enttäuschung verhehlte er schon im E-Mail-Verkehr nicht: Er hatte gehofft, dass sich über die Jahre jüngere Kollegen und Kolleginnen des Themas annehmen würden. Nichts sei geschehen. Jerry Saltz und die „Guerilla Girls“, eine anonyme Künstlerinnengruppe, blieben über die Jahrzehnte die Einzigen, die unbeirrt das ungleiche Geschlechterverhältnis in den Museen auszählten.

Dass es zwar besser, aber nie gut zu werden scheint, ist ein schwacher Trost. Immer noch werden etwa große Ausstellungen zeitgenössischer Malerei (in Museen in Berlin, in Galerien in London) veranstaltet, die gerade einmal eine Quotenfrau, wenn überhaupt, beinhalten. Man braucht nur weitere mühsame Zählarbeit zu leisten, um die Verwirrung zu vergrößern: Wurden 1990 noch über 70 Prozent der großen internationalen Museen von Männern geleitet, sind es heuer nur noch 44,7 Prozent. Die Frauen haben die Führung übernommen im Kunstmanagement. Auch die „Artreview“-Liste der einflussreichsten Personen im Kunstbetrieb wird heuer von einer Frau angeführt, von Katars Sheika Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani (30). Und auch in die Top drei des „Kunstkompass“ ist mit Rosemarie Trockel erstmals eine Künstlerin vorgerückt. Doch die Ausreißerinnen täuschen. Geht man die Liste der höchsten Preise durch, die für Kunst bei Auktionen gezahlt werden, stößt man erstmals auf Platz 719 auf das Werk einer Künstlerin, es ist von der Impressionistin Berthe Morisot (schlappe elf Millionen Dollar).

In Galerien pendelt sich das Verhältnis bei einem Viertel Künstlerinnen im Programm ein. Wobei es durchaus auch renommierte Galerien gibt, die keine einzige Künstlerin vertreten. Wie gibt es das bei Halbe-Halbe auf den Kunstunis in Europa? Das Verhältnis beginnt schon bei den Professoren zu bröckeln, in Deutschland sind nur um die 30 Prozent der Kunstprofessoren weiblich. In Düsseldorf sind es sogar nur rund 15 Prozent. Wien ist dagegen vorbildlich, auf der Wiener Akademie sind rund 50 Prozent der Professoren Frauen. Und auch in den zwei Wiener Moderne-Dauerausstellungen sieht es fairer aus als in New York: Im 21er-Haus zählt man rund 20 von 60, im Mumok 14 von 65. Künstlerinnen, nicht Werke, da sieht es nochmals anders aus.

2014 werden wir immerhin im Mumok (Cosima von Bonin), in der Kunsthalle Wien (Isa Genzken) und in der Kunsthalle Krems (Martha Jungwirth) große Personalen von Frauen sehen können. In der Albertina dagegen – kein einziger Frauenname 2014, dafür zum gefühlten zehnten Mal Alex Katz. Trotzdem, in Wien ist es anscheinend ein bisschen besser als in den testosterongebeutelten Alpha-Kunststädten. Gut ist es nicht.

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)