Karina Sarkissova, derzeit als Solotänzerin an der Budapester Oper engagiert, gastiert am 12. Jänner in Wien. Mit der „Presse“ sprach sie über das extreme Leben der Balletteusen und ihre Hoffnung auf eine zweite Karriere als Schauspielerin.
„Ich reise sehr gern. Ich habe so einen Drang zu arbeiten.“ Karina Sarkissova, ernst, intellektuell und mit Brille, sieht man nicht an, dass sie bei unserem Gesprächstermin im Hilton-Hotel 13 Stunden im Flugzeug hinter sich hat. In Wien war die Ex-Staatsopern-Ballerina, die nun Solotänzerin an der Budapester Oper ist, zuletzt vor allem negativ in den Schlagzeilen. „News“ verriss ihre autorisierte Biografie und erklärte sie zur drittpeinlichsten Prominenten. Auf die Affäre um die Nackt-Fotos folgten TV-Auftritte als Jurorin in „Die große Chance“ inklusive „Popo-Blitzer“.
Am stärksten profilierte sich Sarkissova freilich als Comedy-Talent in der Sendung „Hast du Nerven?“, die freilich wegen schlechter Quote bald wieder eingestellt wurde. Hat sich der Ausstieg aus dem elfenbeinernen Turm Ballett mit anschließender „Hexenjagd“ auf die Blondine gelohnt – oder verflucht sie mittlerweile die öffentliche Aufmerksamkeit? Sarkissova: „Es ist ein Sandkasten. Manchmal macht es Spaß darin zu spielen, aber ich kann den Sandkasten jederzeit verlassen. In Budapest kann ich ganz normal einkaufen und sogar im Nachtclub auf dem Tisch tanzen, das interessiert keinen. In Wien ist alles gleich ein Skandal. Diese Geschichte mit der Autobiografie war unangenehm. Man lernt aus seinen Fehlern. Ich habe einem Menschen vertraut, den ich nicht gut genug kannte..“
Das Bekenntnis ihrer Bisexualität im Buch verursachte weiteres Aufsehen: „Das ist doch kein Geheimnis und Skandal ist es schon gar keiner. Bisexualität ist schließlich nicht verboten,“ sagt Sarkissova. Sind die Österreicher gemeiner als andere gegen Promis? „Glaube ich nicht. Ich bin oft zu offen und zu emotional, nur, ich sehe keinen Grund, das zu ändern oder mich zurückzuhalten. Am Ende zählt doch nur, ob man glücklich war in seinem Leben und sich treu geblieben ist. Und ich bin unglaublich glücklich, auch über die Nachfrage und das Interesse an meinem Leben und dass ich diese Bühnen und diese Plattformen bekommen habe, wo ich mich präsentieren kann. Ich inszeniere mich eigentlich 24 Stunden am Tag, ich liebe es mich neu zu konstruieren. Ich brauche das, speziell, wenn es mir nicht gut geht, erfinde ich einfach eine neue Figur.“ Mit über 40, so Sarkissova weiter, könne man nicht mehr die Julia spielen, „das finde ich unpassend.“ Sie ist jetzt 30, sie weiß, ewig geht es nicht so weiter mit der Tanzerei: „Aber ich weiß auch, ich würde daran zerbrechen, wenn ich nicht mehr auf einer Bühne stehen könnte. Daher habe ich das schon jetzt analysiert. Ich möchte mir eine zweite Karriere aufbauen mit Schauspiel und seriösen TV-Auftritten.“ Bis auf weiteres aber bleibt das Ballett ihr Zuhause: „Ja, das ist mein Leben, das Fernseh-Trallerla ist ein Spaß, aber ich bin nicht dabei, wenn es meinen Hauptberuf stört. Ich bin in Budapest als erste Solotänzerin fix angestellt.
Das war keineswegs selbstverständlich. Ich musste vortanzen, wurde aber gleich genommen. Ich tanze tragende Rollen in größeren Balletten, in Don Quichotte, Schneewittchen, Giselle, als nächstes kommt die Hauptrolle in ,Études“, ein großes und und schweres Stück.“ Wird sie je nach Wien zurück kommen, wo ihr elfjähriger Sohn ins Gymnasium geht? „Sag niemals nie.“ Wurde sie aus dem Staatsopernballett „weggemobbt“? „Das ist ein gefährliches Wort. Nein. Ich verdanke Österreich meine Karriere. Darauf bin ich sehr stolz, auch auf die österreichische Staatsbürgerschaft. Ich habe sieben Ballettwettbewerbe für Österreich gewonnen! Und ich wurde mit 15 Jahren an die Staatsoper engagiert.“ Ihre zweite Staatsbürgerschaft ist noch immer die russische. Der Ballettchef des Bolschoi wurde im Jänner bei einem Säurattentat schwer verletzt, Racheakt eines Solotänzers. Gibt es in der ätherischen Tanz-Zunft unkontrollierte, ja brutale Leidenschaften? Sarkissova: „Ich war nur als Kind am Bolschoi, aber einige meiner Klassenkameraden von damals waren in den Fall involviert. Theater ist mehr oder weniger überall das gleiche. Künstler, Artisten sind anders als normale Menschen, sie haben eine Emotionalität, die hundertfach größer ist. Wir lieben und wir leiden mehr.
Einen Tag herrscht Anna-Karenina-Stimmung, den nächsten schweben wir auf Wolke sieben. Die Intrigen. Liebschaften und Dramen auf der Bühne übertragen sich auch ins Privatleben.“ Warum sind die russischen Tänzer oft besser als andere? „Wenn die Ballett-Trainerin einem Kind in Österreich auf das Knie schlägt, weil es sich nicht genug streckt, sind am nächsten Tag die Eltern in der Schule. In Moskau geht das Kind raus und macht weiter, keiner kümmert sich darum. Ich habe mit einer gebrochenen Zehe bei einem Ballett-Wettbewerb getanzt. Und ich bin keine Heldin. Es gibt Tänzer, die stehen eine Woche nach einem Achilles-Sehnen-Riss wieder auf der Bühne.“ Warum tut man sich das an? „Das sind die Kehrseiten des Berufs. Ich weiß, dass ich das machen wollte, sobald ich gehen konnte. Ich bin ein Bühnenmensch. Meine Mutter meinte einmal, das Leben, das du führst, hast du diesen Anstrengungen zu verdanken, ein kluger Satz.“
Die Ballettmutter ist wie man u. a. in Darren Aronofskys Film „Black Swan“ sieht eine Art Fundamentalistin, verwandt der Eislaufmutter: „Der Film hat einen Touch von Realität, aber er ist auch etwas plump“, sagt Sarkissova: „Die Ballettmutter lebt ihren Traum durch ihr Kind, das passiert oft. Auch meine Mama war sehr involviert in meine Karriere und es gab Momente, in denen ich ihr das vorgeworfen habe, dass ich keine Kindheit hatte. Vor allem aber bin ich ihr dankbar.“ Am 12. Jänner 2013 kommt Sarkissova mit einer Ballett-Show, Klassik und Modern Dance, ins Akzent. Im New Yorker Lincoln Center tanzt sie davor beim Neujahrskonzert. Auch nach Shanghai hat sie ihre Fühler ausgestreckt.
Kann sie jemals vergessen, an ihre schlanke Linie zu denken, wenigstens zu Weihnachten mal schlemmen? „Wir Künstler sind Genussmenschen und auch suchtgefährdet. Gottseidank rauche ich nicht. Wir müssen sehr diszipliniert sein, nach der Vorstellung kommt es schon vor, dass die Solisten ins nächste Restaurant stürzen und alles aufessen und dazu sieben Bier trinken. Wir geben viel, da brauchen wir auch ein paar Genussmomente. Mein Großvater war Koch bei Jelzin und Gorbatschow. Ich habe schon als Kind gerne Kaviar gegessen. Zum Glück bin ich öfter eingeladen bei Veranstaltungen, wo man Kaviar nicht nur löffelweise serviert. Ich esse gerne alle Meeresfrüchte. Aber ich weiß auch, zwei Wochen vor einer Premiere, da muss ich auf meine Ernährung aufpassen, nicht einmal so sehr wegen der schlanken Linie, das auch, vor allem aber wegen der Energie. Man muss fit und ausgeruht sein, damit das Ablaufdatum der Ballerina nicht schneller näher rückt als das ohnehin passiert.“
Karina Sarkissova, russisch-österreichische Ballett-Tänzerin mit armenischen Wurzeln, wurde 1983 in Moskau geboren. 2009 bis 2011 war sie Solotänzerin des Staatsballetts, wo sie laut Wikipedia auf eigenen Wunsch karenziert wurde, derzeit ist sie an der Budapester Oper engagiert. Im Akzent-Theater ist Sarkissova am 12. Jänner um 18 Uhr in einer Ballett-Show mit Solotänzern aus Budapest zu erleben. Der Titel „32 Fouettés“ bezieht sich auf 32 Drehungen auf der Fußspitze.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2013)