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Planet der Hirne. Ein geistiger Skandal

Dinosaurier
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Evolutionismus vs. Kreationismus.Vor etlichen Jahren, wir erinnern uns, erntete Kardinal Schönborn für sein Verdikt nur Entrüstung, Gelächter und Verhöhnung. Doch nun bahnt sich Neues an.

Es ist schon wieder Jahre her, dass ein hoher Repräsentant der katholischen Kirche versuchte, gegenden wissenschaftlichen Materialismus in der Nachfolge Darwins aufzumucken. Am 7. Juli 2005 veröffentlichte derWiener Kardinal Christoph Schönborn in der „New York Times“ unter der Überschrift „Finding Design in Nature“ einen kurzen Artikel. Darin hieß es, dass seit dem Jahre 1996, in dem Papst Johannes Paul II. die Evolutionslehre gewürdigt hatte, sich die Verteidiger des darwinistischen Dogmas in der Ansicht gefielen, ihre Theorie sei mit dem christlichen Glauben vereinbar. Schönborns Kommentar: „But this is not true.“

Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung, des Gelächters und der Verhöhnung los. Wissenschaftler meldeten sich zu Wort und wiesen den Kirchenfürsten in seine Schranken. Besonders aber taten sich diversePhilosophen und Wissenschaftspopulisten hervor, die sich im Internet selbst gerne als „The Brights“, die „Hellen Köpfe“, bezeichneten, an vorderster Stelle Richard Dawkins, Autordes Weltbestsellers (gemeint ist die westlicheWelt) „The God Delusion“,„Der Gotteswahn“. Unter dem Druck der Öffentlichkeit schwächte derKardinal sein Verdikt ab. Er wollte es nur noch auf jene „Ideologie“ bezogen wissen, die er „Evolutionismus“ nannte. Doch akkurat das, was er darunter versteht, ist eine unter Spitzenbiologen weit verbreitete Haltung. Sie besagt, dass die Evolutionstheorie mit dem christlichen Glauben nicht nur nicht„irgendwie“ vereinbar sei, sondern im Gegenteil: dass sie mit diesem Glauben – dem Theismus – wegen der ihn kennzeichnenden Schöpfungslehre notwendig kollidiere.

Was Schönborn verteidigt hatte, war ein Neuaufguss des altehrwürdigen Kreationismus, das heißt: des Dogmas von der Welt als göttlicher Schöpfung. Dieser Aufguss wählte eine Begrifflichkeit, die den Vorteil haben sollte, modernere Geister nicht gleich vollends abzustoßen: „Intelligent Design“. Trotz diverser Argumente, die man von religiös beherzter Seite dafür vorbrachte, dass die Ordnung des Kosmos angemessen einzig verstehbar sei als ein „Design“, aus dem eine „Intelligenz“ zu uns spreche, wäre es vermutlich beherzter gewesen, offen zu bekennen, worum es sich handelte: Wer zu lebendigem Erleben jenseits von Laborbedingungen überhaupt noch fähig ist, wird nicht umhinkönnen, das unfassbare Wunder zu bestaunen, ja, zu verehren, welches im Kleinsten wie im Größten und, allgemein, in den unspektakulären Erscheinungen anschaulich „da“ ist, präsent ist, ob es sich nun um Gilbert Keith Chestertons Gänseblümchen oder um Albert Schweitzers Schneeflocke handelt.

Man mag die Entstehung solcher Dinge zu erklären versuchen, indem man auf tote Gase, tote Masse, tote Energie, auf Naturkonstanten, unerklärliche Zufälle und zufällige Auslesebedingungen zurückgreift – aber das wird an den kleinen und großen Wundern, die uns unsere Anschauung ständig darbietet, nichts ändern. In diesem Sinne schrieb Peter Handke vor langen Jahren in seiner„Geschichte des Bleistifts“ (1982): „Die ,Wahrheit‘ ist zum Beispiel: Im Westen der rauchige Himmel, und im Süden das Schwingen der schaukelnden Kinder (und im Nachregen-Wind das Flittern der nassen Rosen)“ – und der Dichtersetzte keinen Punkt anden Schluss dieser „Wahrheit“, die tiefer reicht als die Wahrheiten der Wissenschaft. Alles in Handkes Bild entstammt dem Repertoire der sprichwörtlich einfachenDinge des Lebens; das Poetische in ihm macht jedoch empfänglich dafür, dass es hierum eine Lebendigkeit geht, eine ursprüngliche „Wahlverwandtschaft“ zwischen Welt und Subjekt, die zur naturalistischen Welterklärung quer steht. So mochte bereits Goethe in den „Zahmen Xenien“ schreiben: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.“

Es wäre völlig witzlos, derlei „Wahrheiten“ – Wahrheiten, in denen ein rätselhaft geistiger Urgrund die Dinge der Welt aufzuschließen scheint, weil nämlich vom zeitlosenAnfang an alles an ihm teilhat – mit wissenschaftlichen Begriffen formulieren zu wollen. Die Wissenschaften, soweit sie dem Materialismus verpflichtet sind, wittern immer nur das religiöse Lüftchen, das durch derlei Aussagen weht. Umgekehrt – so hatte auch ich seinerzeit eingewandt – zog der Kardinal aus der richtigen Intuition die falsche Konsequenz. Er rechnete der Wissenschaft ihre methodische Beschränkung als Mangel vor. Wo hingegen die Dinge als Teile eines lebendigen Kosmos erfahren werden und wo ihnen im täglichen Leben quasi alltagsliturgisch begegnet wird, dort reichen die Begriffeaus Physik, Chemie und Biologie nicht aus, um das Erlebte wahrheitsgemäß zu beschreiben. Denn in diesen Begriffen fehlt jeder Anhaltspunkt, wie man von den Atomen und Molekülketten zu geistigen Gestalten und Gestaltungen aufsteigen könnte, ob es sich um simple Erlebnisse von Gänseblümchen und Schneeflocken oder um jene Schau der Welt handelt, welche die Tapisserie der Schöpfung poetisch umspielt.

Ich sage nichts Neues. Trotzdem scheint sich Neues anzubahnen. Bis vor Kurzem nochgalt unter Mitgliedern der harten Scientific Community als ausgemacht, dass nur die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geeignet sei, die Basisbegrifflichkeit unserer Erkenntnis zu bilden. Das betraf nicht bloß die Entwicklung des Lebens aus den ultraheißen Gasen des Urknalls, es betraf auch die Entstehung des Bewusstseins aus den Nervenzellen des Gehirns. Begriffsstutzige wie unsereiner wurden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Redeweise, wonach das Gehirn das Bewusstsein „erzeuge“, „hervorbringe“, bloß Metapher ist.

Wir beharren trotz des Kopfschüttelns der „Hellen Köpfe“ darauf, dass Behauptungen, wonach physiologische Reize chemisch als „Informationen“ ausgelesen würden,nachdem sie vom Gehirn „codiert“ worden seien, nie und nimmer wörtlich genommen werden dürfen. Denn das ergibt nichts als Unsinn. Zu physikalisch oder chemisch repräsentierten Informationen gehört begriffsnotwendig ein Bewusstsein, das die Bedeutung des zu Codierenden versteht. Ferner will unsereinem nicht einleuchten, dass das Gehirn – im buchstäblichen Sinne des Wortes! – laufend Informationen „vernetze“ und zu einem plastischen „Modell“ unserer Umwelt „forme“. Diese ganze Art des bildhaften Redens wurde ja aus unserem eigenen geistigen Erleben, das uns unmittelbar bewusst ist, abgeleitet und der bewusstlosen Hirnchemie gleichsam angeheftet.

Aber wir, die Begriffsstutzigen, die dem modernen Materialismus – im Deutschen unverfänglicher „Naturalismus“ genannt – zu widerstehen gedachten, galten vielen Fachkollegen als nicht diskussionswürdig, obwohl so mancher Kosmologe, Physiker oder Hirnforscher bezweifelte, dass aus totem Stoff, bewusstloser Energie und schierem Zufall ein Bewusstsein, gleich einem Deus ex Machina, herauspurzeln könnte. Nun aber scheint sich eine Wende abzuzeichnen. Soeben publiziert Thomas Nagel, einer der einflussreichsten Philosophen aus dem Lager der Analytischen Philosophie, bei der renommierten Oxford University Press ein Buch mit dem Titel „Mind and Cosmos“ (vgl. auch die Rezension in diesem „Spectrum“, Seite VII; Anm d. Red.). Es trägt, nun auch in der deutschen Ausgabe, den bezeichnenden Untertitel „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“. Damit wird auf jenes Atheisten-Motto angespielt, das sich Richard Dawkins verdankt: „There ist almost certainly no God“ – ein Motto, welches im Rahmen der sogenannten Atheist Bus Campaign auf Londoner Bussen großflächig zu lesen war: „There's probably no God. Now stop worrying and enjoy your life.“

Nagels Buch macht schnell Furore. Warum? Weil hier ein herausragender zeitgenössischer Philosoph, an dessen rationaler Einstellung zu metaphysischen Fragen bisher kein Zweifel bestand – Nagel, ein Linksliberaler, ist bekennender Atheist, der in seinem Hauptwerk „Der Blick von nirgendwo“ (1986) schrieb, er sei als Bewusstseinswesen vermutlich auf sein Gehirn reduzierbar –, nunplötzlich ernsthafte Zweifel an der Durchführbarkeit des materialistischen, neodarwinistischen und damit auch zerebralen Reduktionismus äußert. Dabei ist das, was er an Argumenten in die Diskussion einbringt, zum größten Teil längst bekannt und niedergeschrieben. Aber angesichts des Fehlens einer respektablen Alternative zu den heute verfügbaren Theorien, die alle davon ausgehen, dass am Anfang Chemie und nichts als Chemie war, galten und gelten die Gegner dieser Ansicht dem naturwissenschaftlichen Mainstream als unfruchtbare Spekulierer, schlimmerenfalls als verkappte Mythologen und Esoteriker.

Mir persönlich schien es immer offensichtlich, dass aus toter Materie nicht bewusstes Leben entstehen kann, ja, mir kam es stets spanisch vor, wie aus Materie überhaupt Leben entstehen können sollte. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die wissenschaftliche Definition von Leben – wie geht sie gleich? – irgendwie zu kurz greift, wenn wir die Ordnung der Welt mit den Augen der Anschauung betrachten. Denn irgendwie scheint in allem ein geistiges Prinzip wirksam, das uns befähigt, über uns selbst hinauszugehen und mit den Dingen der Welt, auch den angeblich unbelebten, ob Gänseblümchen, Schneeflocke oder Sternenhimmel, in Kontakt zu treten – sie zu erkennen. Der „Weg nach draußen“ (so nannte ich eines meiner Bücher, das im Jahr 2000 erschien) steht unsprinzipiell offen, und wie wäre dies möglich, wenn wir, gleich einer blinden Auster in ihrer Schale, in unserer eigenen Physiologie samt deren Eigengesetzlichkeit eingeschlossenwären? – Was die Gegner des Reduktionismus anzubieten haben, ist allerdings kein alternativer „Weltentwurf“. Man sollte sich als Kritiker des wissenschaftlichen Dogmatismus nicht selbst aufführen, als habe man den Stein des Weisen gefunden. Das hat auch Nagel nie getan, trotzdem ist er gerade im angloamerikanischen Feuilleton heftig attackiert worden, so, als führe er sich päpstlicher als der Papst auf. Dabei hat er – wenn ich die gesamte Debatte einmal auf das Allersimpelste reduzieren darf – wie bereits andere vor ihm bloß darauf aufmerksam gemacht, dass aus nichts nichts wird. Zugegeben, das ist eine klassisch metaphysische Position – „ex nihilo nihil fit“ –, aber eine, der man wohl so lange zuneigen wird, als es nicht wirklich starke Gründe dagegen gibt. Bewusstsein, Bedeutung, Werte – das alles lässt sich nicht aus bewusstloser, bedeutungsloser,wertneutraler Substanz gewinnen, ableiten, „erzeugen“. Es sei denn, man verwechselt die Frage, wie das Wesen einer Sache aufzufassen sei, mit dem Problem, welches die Bedingungen dafür sind, dass die Sache existiert.

Hier ein einfaches Beispiel. Zweifellos wäre Goethe außerstande gewesen, seinen „Faust“ zu schreiben, ohne dass Goethes Gehirn – das Gehirn eines Genies –  ordnungsgemäß funktioniert hätte. Nehmen wir der Einfachheit halber an, jeder Satz des „Faust“ hätte eine Entsprechung im Goetheschen Neuronen-Netzwerk gehabt, und zwar in dem Sinne, dass jede Bewegung derGoetheschen Schreibhandbei der Verfertigung des „Faust“ durch eine Aktivität an einer Stelle desGoetheschen Gehirns ausgelöst worden wäre. Angenommen, es wäre unsmöglich, den gesamten zerebralen Aktivitätsverlaufim Zuge der Verfertigung des „Faust“ zu rekonstruieren – dann hätten wirzweifellos eine gigantische Menge an Informationen über die Entstehung eines der kanonisierten Meisterwerke der deutschen Literatur. Aber hätten wir, wenn uns keinerlei Angaben zur Verfügung stünden als jene exklusiv physiologischen über Goethes Gehirn, auch nur die geringste Ahnung, was das bedeutet, was Goethes Hand niederschrieb? Natürlich nicht! Die Bedeutung des „Faust“ lässt sich nicht aus Goethes Gehirn kausal oder sonst wie ableiten: Das ist der springende Punkt, den zuzugeben vielen materialistischen Philosophen offenbar schwerer fällt als manch reflektiertem Hirnphysiologen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese ganze Debatte weltanschaulich vermint ist. Dabei sind die Anhänger eines „Primats des Geistes“ keine wild gewordenen religiösen Fanatiker (jedenfalls nehme ich das für mich in Anspruch). Der kleinste Nenner, der sie eint, ist die Frage, wie wir jemals etwas über die Welt und uns selbst wissen könnten, vorausgesetzt, die Basis bestünde aus Prozessen, denen nichts Geistiges innewohnt. Die Welt muss, so mysteriös dies in vielen wissenschaftlich geschulten Ohren klingen mag, darauf angelegt sein, dass zwischen dem, was uns, den Subjekten, von den Sinnen an Eindrücken geliefert wird, und der Wirklichkeit eine Art Passung besteht – ichsprach vorhin mangels eines besseren Ausdrucks von „Wahlverwandtschaft“. Davon braucht der Wissenschaftler keine Notiz zu nehmen, wenn er mit seinen Mitteln erklärt, wie es zur Wahrnehmung der Außenwelt kommt. Er darf allerdings seine Erklärung nicht dahingehend missverstehen, als ob sie imstande sei, auch noch jene ursprüngliche Einheit zu erhellen, die uns von vornherein „draußen“, bei den Dingen, sein lässt, statt uns in der Höhle unseres Gehirns ein für alle Mal einzuschließen.

Das weltanschauliche Moment hat freilich eine viel breitere und dabei weitaus weniger harmlose Basis als die metaphysische Spekulation. Würde der materialistische Reduktionist das letzte Wort haben,dann ließe sich auf Dauer nicht verhindern, dass unsere fundamentalen gesellschaftlichen Werte und Institutionen einer grundlegenden Reform bedürften. Wenn wir tatsächlich als personale Bewusstseinswesen auf unsere Gehirne reduzierbar wären, dann hätten wir keinen freien Willen. Dieser wäre vielmehr – wovon heute ohnehin viele Hirnforscher ausgehen – eine Illusion, die uns beim Überleben hilft.

Indem wir den Eindruck haben, wir selbst könnten Dinge in der Welt herbeiführen, werden wir nicht fatalistisch, strengen uns vielmehr tüchtig an; und weil wir glauben, wir seien für unsere Handlungen verantwortlich, fühlen wir uns als moralische Subjekte: Wir haben ein gutes oder schlechtes Gewissen. Daher halten wir es für legitim, dass man uns für unsere Taten zur Verantwortung zieht. Es ist nicht die Metaphysik des Christentums oder eines Kirchenlehrers, namentlich des Augustinus, weswegen unsere Moral davon ausgeht, dass wir bei funktionierendem Gehirn in der Lage sind, aus uns heraus frei zu handeln; nein, das ist eine Voraussetzung unseres Handelns im Alltag. Fällt diese Voraussetzung weg, dann werden wir zu mehr oder minder intelligenten Biomaschinen, die sich bestenfalls wechselseitig konditionieren.

Wäre dies der Fall, dann müssten wir mit Konsequenzen leben, die unsere Gesellschaften auf Dauer zerstören würden. Die naheliegende Konsequenz wäre, dass wir für unsere Taten nicht mehr moralisch verantwortlich gemacht werden dürften – und wir uns selbst, falls wir realistisch sind, nicht mehr verantwortlich zu fühlen brauchten. Wir müssten lernen, dass unsere moralischen Gefühle (Schuld, Scham, Stolz, Selbstachtung) ihren Ursprung in einer Illusion haben, die von unserem Gehirn „produziert“ wird. Da sich so etwas aber nicht lernen lässt, jedenfalls nicht ernsthaft – ebenso wenig wie ich ernsthaft der Meinung sein kann, ich seimein Gehirn, es sei denn, ich wäre verrückt –, würde sich in der Gesellschaftbald eine Form des zersetzenden Zynismus ausbreiten. Je nach der Situation, die uns gerade von Nutzen schiene, würden wir das eine Mal so tun, als ob es einen freien Willen gäbe (und demzufolge Übeltäter bestrafen und Wohltäter belohnen), das andere Mal hingegen darauf pochen, dass keiner frei sei, also auch wir nicht, und wir daher für unsere bösen Taten nicht verantwortlich gemacht werden dürften.

Um sich über die ferneren politischen Folgen eines reduktionistisch erzwungenen „Paradigmenwechsels“ zu informieren, reichtein Blick in eine der letzten Utopien der Moderne, B. F. Skinners „Futurum Zwei“ aus dem Jahre 1948. Der Leiter des fiktiven Gemeinwesens, worin an die Stelle des „moralischen Sprachspiels“, des Glaubens an Freiheit und Würde, die angeblich humanere Konditionierung der Kinder getreten ist,spricht es offen aus: Die schlimmste aller Herrschaftsformen sei die Demokratie, die Diktatur des Unverstandes. Denn sie ist die Herrschaft der Laien, die, mangels Fachwissen und methodischer Kompetenz, zur wissenschaftlichen Lenkung der Gesellschaft unfähig sind.

Ein ähnliches Meinungsklima müsste, konsequent durchdacht, auch in der Folge des Gehirnfundamentalismus zu beobachten sein. Aus liberalen Gesellschaften mit Grundrechten, welche die Autonomie des einzelnen Bürgers sichern, sollten dann, der wissenschaftlichen Vernunft gemäß, expertokratisch gelenkte Überwachungsstaaten werden. Das Funktionieren der Gesellschaft, die sich selbst als eine Kommunität aus zerebral gesteuerten Organismen ohne innere Freiheit begriffe, würde durch persönlichkeitsangepasste Maßnahmen sichergestellt. Diese könnten, unter Einsatz aller Mittel der Verhaltenskontrolle, von dernichtstrafenden Sicherungsverwahrung auf unbestimmte Zeit bis hin zu Maßnahmen reichen, die auf der Basis von Psychopathie-Checks den Einzelnen treffen würden, noch bevor er überhaupt ein gemeinschaftswidriges Verhalten an den Tag gelegt hätte.

Selbstverständlich protestieren die „Hellen Köpfe“, die sich gerne als die wahren Liberalen bezeichnen, angesichts des skizzierten Ausblicks heftig. Niemals würden aus der Hirnphysiologie derart abstruse Konsequenzen für die Gesellschaft abgeleitet... Das mag fürs Erste schon sein. Doch ich rede hier vom Grundsätzlichen und davon, dass Gesellschaften auf Dauer nicht in einem kognitiven und emotionalen Zwiespalt gedeihen können. Wenn wir die Sklaven unserer Gene und unseres Gehirns sind, dann wird es den ungebildeten Schichten – oder jenen, die zum Wohl des Ganzen auf der Stufe ihrer Unbildung fixiert werden – vorbehalten bleiben, an die Freiheit, die Würde und die Moral zu glauben. Solcher Glaube, obwohl von den Wissenden als mythisch gebrandmarkt, ist ja den Herrschenden und ihren Administratoren ebenfalls zu Diensten, falls er die öffentliche Ordnung stärkt.

Es ist also keine metaphysische Schrulle, für den Primat des Geistes zu optieren. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister; durch ihn wird sich auch entscheiden, obuns ein „Planet der Hirne“ bevorsteht oder wir das Erbe jener Aufklärung fortführen, welche noch Vernunft und Freiheit zusammendachte. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2013)