Die Achterbahnfahrt der digitalen Währung Bitcoin

Chain of block erupters used for Bitcoin mining is pictured at the Plug and Play Tech Center in Sunnyvale, California
Chain of block erupters used for Bitcoin mining is pictured at the Plug and Play Tech Center in Sunnyvale, CaliforniaREUTERS

Ihre Fans halten die Onlinewährung Bitcoin für das Geld der Zukunft. Skeptiker befürchten hinter dem Hype eine neue „Tulpenblase“. Ein neuer Markt zwischen Manie und Depression.

Das Jahr 2013 geht zu Ende, die große Krise ist mehr als fünf Jahre her – die Märkte hängen noch immer an den Billiggeld-Infusionen der Zentralbanken, und die Erholung der Wirtschaft bleibt blutleer. Aber ein „Asset“, das außerhalb der Börsen gehandelt wird, hält zumindest das Internet in Atem. Das Onlinegeld Bitcoin ist im Preis in den vergangenen Wochen geradezu explodiert: von rund 200 Dollar pro Bitcoin im November auf mehr als 1200 Dollar im Dezember. Nur um zuletzt wieder stark zu fallen: auf rund 750 Dollar am Samstagnachmittag.

Was als skurriles Währungsprojekt eines Programmierers (der sich hinter dem Pseudonym „Satoshi Nakamoto“ versteckt) begann, ist heute ein Zwölf-Milliarden-Dollar-Markt. Und als Bitcoin für kurze Zeit die Marke von 1242 Dollar erreichte – und damit in etwa das Level einer Feinunze Gold – konnten auch die großen Finanzmedien das Thema nicht mehr ignorieren.

Inzwischen sind die ersten wichtigen Banken auf den Zug aufgesprungen. Bank of America Merrill Lynch hat sogar ein Kursziel ausgegeben: 1300 Dollar pro Bitcoin. Chef-Währungsanalyst David Woo sieht in dem Onlinegeld zwar keine direkte Konkurrenz zu Dollar oder Euro, wie manche Bitcoin-Fans dies durchaus schon tun. Sehr wohl aber für Paypal und andere Onlinezahlungssysteme. Bitcoin sei schlicht billiger und schneller.


EZB bleibt cool. Auch die Europäische Zentralbank hat diesen Punkt schon in einer Studie über „Virtuelle Währungen“ im Jahr 2012 unterstrichen – und sieht wegen der weiterhin sehr geringen Größe des Bitcoin-Marktes (zum Vergleich: Auf dem Währungsmarkt werden 5,3 Billionen Dollar pro Tag (!) umgesetzt) auch keine Gefahr für das Finanzsystem. Man akzeptiert Bitcoin als das, was es ist: ein von Computern verwaltetes Geldsystem, dessen Geldmengenausweitung nach strengen Algorithmen geregelt ist. Neue Bitcoins werden durch den Einsatz von Rechenkraft „geschürft“ – und die Menge an Bitcoins ist ultimativ auf 21 Millionen beschränkt. Was Bitcoin als Vorbild gedient hat, ist offensichtlich: Gold, das in der Menge ebenfalls nur begrenzt vorhanden ist. Aber der Bitcoin-Kurs ist extrem volatil. Gold spielt seit Jahrtausenden eine Rolle – Bitcoin bleibt trotz wachsender Popularität ein Experiment.

Skeptiker sehen in der Bitcoin-Manie deshalb eine Wiederholung der legendären „Tulpenmanie“, der ersten großen Spekulationsblase der Geschichte. In den 30ern des 17. Jahrhunderts schossen die Preise für Tulpen auf den holländischen Blumenmärkten in lichte Höhen – nur um 1637 abrupt und fast komplett einzubrechen. Alan „Maestro“ Greenspan, der ehemalige Chef der US-Notenbank Federal Reserve, sprach in einem TV-Interview vergangene Woche von einer Bitcoin-„Bubble“. Die Frage, ob Bitcoin „das neue Gold“ sei, beantworte er mit einem amüsierten Lächeln.

Ein Grund für die Verwirrung rund um Bitcoin ist sicher, dass die Menschen „privates Geld“ nicht mehr gewohnt sind. Dabei war es bis vor einigen Jahrzehnten durchaus üblich, dass Banken eigene „Banknoten“ auf von ihnen gehaltenes Gold ausgaben, die dann als Währung zirkulierten – so entstand Papiergeld.

Dass Bitcoin ein Zahlungsmittel sein kann, solange das System funktioniert, ist dabei unumstritten. Das bestätigt auch die Citibank in einer Analyse. Von breiter Akzeptanz ist Bitcoin aber noch weit entfernt. Ungeklärt ist die Frage, ob Bitcoin als Wertspeicher, als „Store of Value“, fungieren kann. Eine Rolle, die in der Geschichte traditionell vor allem von Gold übernommen wurde – und in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend auch von staatlichen Papierwährungen.

Diese Frage wird wohl erst in vielen Jahren mit einiger Sicherheit zu beantworten sein. Bisherige Zwischenfälle, wie gehackte oder gestohlene Festplatten mit Bitcoins, haben die Fans aber nicht abschrecken können. „Auch Dollar können gestohlen werden“, heißt es dann. Aber eines ist auch klar: Angreifen kann man Bitcoins nicht. Sie existieren nur virtuell.


Verfolger Litecoin. Unterdessen wächst das Bitcoin-„Ökosystem“ – vor allem in Amerika. Immer mehr Geschäfte und Dienstleistungsanbieter akzeptieren das Onlinegeld für Zahlungen. Und weil die Medien Bitcoin als Thema entdeckt haben, garantiert die Akzeptanz von Bitcoin derzeit gute PR für Anbieter. Gleichzeitig wächst das Interesse an Bitcoin-Nachahmern. Es gibt schon mehr als 100 sogenannte „Altcoins“ („alternative Münzen“) im Netz. Diese haben zwar noch lange nicht die Bedeutung von Bitcoin – aber zumindest die Nummer zwei auf dem Markt hat sich bereits herauskristallisiert: „Litecoin“.

Die Spekulationsphase hat bei diesen „Altcoins“ aber erst begonnen. Und Manie und Depression liegen da sehr eng beieinander.

Fakten

Mit Bitcoin kann man online bezahlen. Die Onlinewährung ist aber längst auch zum Spekulationsobjekt geworden, wie die turbulenten Kursbewegungen zeigen.

200 Dollar kostete ein Bitcoin im November, bis zu 1200 Dollar im Dezember. Am Samstagnachmittag lag der Preis bei 750 Dollar.

Gold hat Bitcoin als Vorbild gedient. Es ist ebenfalls nur begrenzt vorhanden, anders als Bitcoin spielt es aber schon seit Jahrtausenden eine Rolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)