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Zurück in die Steinzeit

Beim Fleischhauer
Beim FleischhauerMichaela Seidler
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Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben wächst mit der Reizüberflutung. Warum wir essen wie in der Steinzeit und gern die Schuhe ausziehen.

Barbara Asboth sieht nicht gerade aus wie jemand, der sich nur von rohem Fleisch ernährt. Schon eher würde man die junge Frau in einer netten Backstube vermuten, in der kleine Kuchen und Kekse auf einer Etagere platziert werden und Kaffee mit viel Milchschaum getrunken wird. Aber weit gefehlt, Frau Asboth hat vor zwei Jahren damit aufgehört sich „modern“ – wie sie es nennt – zu ernähren. Sie setzt hingegen auf das Paleo-Prinzip, auch als Steinzeit-Diät bekannt.

„Ich habe aus gesundheitlichen Gründen angefangen, mich so zu ernähren. Aber auch, weil ich gespürt habe, dass ich meine moderne Ernährung umstellen muss. So bin ich auf Paleo gestoßen und das Prinzip hat sich für mich ganz logisch angehört“, sagt Asboth, die zwar nicht auf moderne Kochtechniken verzichtet, aber nur das isst, was schon in der Altsteinzeit verfügbar war, sprich: Fleisch, Fisch, Eier, Obst, Gemüse sowie Kräuter, Pilze, Nüsse, Maroni und etwas Honig. Sie verzichtet auf Milch und Milchprodukte, Getreide und Getreideprodukte wie Brot. Industriell verarbeitete Nahrungsmittel wie Zucker, alkoholische Getränke oder Fertiggerichte lässt sie ebenfalls weg. Zugegeben, eine etwas strenge Diät, aber eben nicht nur das. Immerhin geht es bei der Steinzeit-Diät nicht ausschließlich um die (bewusste) Ernährung, sondern um den ganzen Lebensstil.


Zeichen für Entschleunigung. Die Sehnsucht nach mehr Einfachheit wächst mit der Reizüberflutung und der ständigen, auch digitalen, Verfügbarkeit. Deutlich wird das unter anderem am Essen – bei dem sich manche nicht nur an dem der Großmutter, sondern gleich an dem der Steinzeit orientieren.

Ein bewusstes Zeichen zur Entschleunigung wird etwa auch dadurch gesetzt, dass immer mehr Menschen den Garten – oder das Balkonkisterl – für sich entdecken und Gemüse lieber selbst anbauen. Weitere Beispiele sind der omnipräsente Do-it-yourself-Trend – stricken, basteln oder nähen – oder das, zumindest im Sommer, beliebte Barfußgehen.

„Seit ich meine Ernährung umgestellt habe, bin ich viel umweltbewusster geworden, kaufe alles in Bio-Qualität. Außerdem verzichte ich komplett auf Plastikprodukte und habe viel weniger Restmüll“, sagt Asboth. Und: „Das gestiegene Umweltbewusstsein bemerke ich auch bei anderen, die diesen Lebensstil für sich gewählt haben.“

Ganz neu ist all das natürlich nicht. Die Öko-Bewegung gibt es schon seit Langem. „Die Tendenz zu mehr Einfachheit und Naturverbundenheit gibt es seit einigen Jahren. Sie ist aber auch ein Begleitphänomen zur Wirtschafts- und Bankenkrise“, erklärt der Soziologe Reinhold Knoll. Wobei sich nicht jeder nach mehr Einfachheit sehnt, sondern nur jene, die zu viel haben. „Es ist ein bewusst gewählter Lebensstil, weil es erst in hoch entwickelten Gesellschaften die Möglichkeit zur Alternative gibt. Jene, die zu einem einfachen Leben gezwungen sind, streben nicht danach. Es ist die gebildete Elite, die aus der Überzeugung, eine Verantwortung für die Welt zu haben, umweltbewusst handelt“, sagt Knoll und bringt den Akademiker als Beispiel, der aus freier Entscheidung in der Großstadt wohnt, trotzdem umweltbewusst lebt und zum Beispiel selbst kocht, Gemüse auf dem Balkon anbaut und strickt – wobei es sich bei Letzterem wohl meist um eine Akademikerin handelt. Das oberste Prinzip ist dabei stets die Einfachheit.


Digitaler Entzug. Die Sehnsucht nach mehr Einfachheit hat auch längst unseren Arbeitsplatz erreicht. „Moderne Gesellschaften werden immer komplexer – sei das am Arbeitsplatz oder privat. Die Arbeitswelt hat sich durch das Internet beschleunigt und intensiviert. Viele fühlen sich überfordert“, erklärt Roland Verwiebe, Soziologe an der Universität Wien: „Auch die Gesellschaftsstruktur im privaten Umfeld ist vielschichtiger geworden. Die Patchworkfamilie erfordert mehr Koordination und Flexibilität. Der dritte Grund für die allgemeine Überforderung vieler Menschen ist die neue Form der Kommunikation. Stichwort: Social Media. Dauernd muss man online sein, alles will kommentiert, geliket und geteilt werden.“ Viele suchen dazu einen Ausgleich und finden den in der Rückbesinnung auf die einfachen Dinge des Lebens.

Das geht so weit, dass andere diese Sehnsucht als Geschäftszweig entdecken. Deutlich wird das etwa an eigenen „Digital Detox“-Urlauben, in denen der digitale Entzug im Mittelpunkt steht. Der Soziologe Verwiebe geht davon aus, dass das Verlangen nach mehr Einfachheit noch stärker zunehmen wird. „Ich glaube, es wird innerhalb der nächsten fünf Jahre eine echte Gegenbewegung zur Volldigitalisierung geben. Der jetzige Back-to-the-roots-Trend ist erst der Anfang.“ Barbara Asboth wird bis dahin noch viele Steinzeitmenüs essen.

Back to the Roots

Steinzeit-Diät: Bei der sogenannten Paleo-Ernährung werden nur Nahrungsmittel gegessen, die es schon in der Steinzeit gab, also Fleisch, Fisch, Eier, Nüsse, Obst und Gemüse. Ernährungswissenschaftler kritisieren die Einseitigkeit und die hohe Zufuhr an tierischen Fetten und Eiweiß.

Digital Detox: Für alle, denen es schwerfällt, sich im Urlaub von Smartphone, Tablet oder Laptop zu trennen, gibt es Hotels, in denen Digital Detox angeboten wird. Dabei werden alle digitalen Geräte abgegeben, zur Ablenkung werden verschiedene Aktivitäten angeboten: vom Bäumepflanzen über Reiten bis zum Wüstentrip.

Barfußlaufen: Laufen ohne Sportschuhe. Dadurch soll ein natürlicher Bewegungsablauf möglich sein. Man setzt zuerst mit Vor- und Mittelfuß auf, anstatt auf der Ferse, wie mit Laufschuhen. Dazu werden eigene Barfußschuhe angeboten, die den Fuß vor Dreck oder Nässe schützen sollen.

Urban Gardening und DIY: Die Klassiker des Zurück-zur-Natur-Lebensstils. Urban Gardening ermöglicht auch Städtern selbst Obst, Gemüse oder Kräuter anzubauen, zum Beispiel in Gemeinschaftsgärten. Der Do-it-yourself-Trend reicht vom Marmeladeeinkochen, über Stricken, Häkeln, Nähen und sonstigen Handarbeiten bis hin zum Tischlern. DIY-Anhänger tauschen sich auf YouTube oder Blogs aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)