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Wie Soweto sich an seinen Mandela erinnert

(c) REUTERS (Kevin Coombs)
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In den Johannesburger Townships formierte sich der Widerstand gegen die Apartheid. Mit Messen, Tänzen, lauter Musik oder merkwürdigen Geschichten gedenkt man hier des verstorbenen Nationalhelden. Ein Lokalaugenschein.

Johannesburg. Geraldine Yende bleibt auf dem Bürgersteig der Vilakazi-Street stehen. Auf der anderen Straßenseite ist das Haus mit der Nummer 8115, in dem Nelson Mandela einige Jahre vor seiner Verhaftung gelebt hat und in das er für einige Tage nach seiner Freilassung 1990 zurückgekehrt ist. Man versteht die 34-Jährige kaum, so laut ist es. Eine Gruppe junger Männer hat sich zum Slogan zusammengetan, einer Mischung aus Tanz und Marsch, mit dem sie sein Leben würdigen.

Ihr Gesang konkurriert mit der Musikanlage eines Kleinbusses und Männern auf Motorrädern, die das Gas voll aufdrehen. Die Menschen finden die unterschiedlichsten Ventile, um ihren Emotionen nach dem Tod des ersten Präsidenten des demokratischen Südafrikas Gehör zu verschaffen.

 

Wie Mandela Kohl überraschte

Inmitten des Lärms steht Yende. Sie möchte eine Geschichte erzählen. Die Mitarbeiterin einer Bibliothek zieht ihre Geldbörse aus der Handtasche. Ihre Tante habe bei der ersten Mandela-Rede nach seiner Zeit im Gefängnis inmitten der Menge ihr Portemonnaie verloren. 30 Minuten später habe sie es an der gleichen Stelle gefunden – unberührt. „Heute ist wieder so ein Tag. Ich könnte meine Geldbörse unbeaufsichtigt hier hinlegen. Keiner würde etwas stehlen.“Yende steckt sie dann doch lieber wieder in die Tasche. Doch wer in diesen Tagen in Soweto einige Stunden verbringt, der erkennt die Kraft, die von diesem Mann ausgegangen ist.

Es ist einer jener Tage, an dem jeder mit jedem spricht, so wie es Mandela der Welt vorgelebt hat, nicht zuletzt den Deutschen. Als er Mitte der Neunzigerjahre Helmut Kohl in Kapstadt empfing, ging er mit ihm in den Company's Garden, eine Parkanlage vor dem Parlament, ohne jedes Sicherheitspersonal. Mandela habe Kohl beliebigen Passanten vorgestellt, berichtete eine Lokalzeitung damals, dieser habe „überrascht“ gewirkt.

Diese südafrikanische Offenheit erlebt an dieser historischen Straße, in der in Person des emeritierten Erzbischof Desmond Tutu viele Jahre lang ein zweiter Friedensnobelpreisträger lebte, so manch westlicher Besucher. Wer stehen bleibt, wird angesprochen.

Im Sakhumzi-Restaurant am Ende der Straße ist ein kleiner Tisch frei. Bald setzt sich ein junges Paar dazu. Hinter einem Computer kann sich hier niemand verstecken. „Wie läuft dein Tag?“, fragt der Mann. „Geht so, ich habe keine Unterkunft für Qunu.“ In dem 1000 Kilometer von Soweto entfernten Dorf wird Mandela am Sonntag begraben, neben 3000 Journalisten und einem ganzen Flugzeug voller Staatsgäste werden Zehntausende aus dem ganzen Land in der strukturschwachen Gegend erwartet. Im Umkreis von 100 Kilometern sind alle Unterkünfte ausgebucht, teilweise schon seit Jahren, die großen Fernsehsender haben sie geblockt.

Der Mann greift zum Telefon, nach ein paar Minuten legt er auf. „Ich habe eine Tante in Qunu. Du kannst bei ihr schlafen.“ Das Klo sei auf dem Hof und fließendes Wasser gebe es nur in der Küche. „Du bist willkommen.“ Draußen tragen Jugendliche ausgeleuchtete Ballons mit Mandelas Gesicht durch die Straße, gefolgt von einem Chor aus Schulkindern und älteren Frauen. In diesem Moment wirkt das etwas kitschige Bild der Regenbogennation doch nicht so utopisch, wie es der tägliche Blick auf Arbeitslosenzahlen und düstere Schlagzeilen im Alltag vermittelt.

Die große Mehrheit der Südafrikaner trauert gemeinsam um Mandela. Er ist am vergangenen Donnerstagabend im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Johannesburg gestorben. Schon am Morgen waren Familienangehörige aus dem Ostkap eilig eingeflogen worden, nachdem sich sein Zustand verschlechtert hatte. Seine beiden jüngsten Töchter, Zindzi und Zenani, erfuhren von dem Tod ihres Vaters bei der London-Premiere des autobiografischen Films Mandelas. Kurz wurde erwägt, die Vorführung zu beenden, schließlich wurden die Zuschauer, unter ihnen Prinz William, erst nach dem Film informiert. Zindzi und Zenani waren da längst schon aufgebrochen. Südafrika empfängt zum zentralen Trauerakt am Dienstag zahlreiche Staatsoberhäupter. Ob sie nach Qunu reisen, ist nicht bekannt. Mandela soll im Schritttempo durch Pretoria gefahren werden, dort wird er bis Freitag aufgebahrt. Hunderttausende werden sich von ihm verabschieden.

 

„Mandelas Licht scheint in uns“

Bei der Trauerfeier in Soweto singen die Menschen von Gott, von Mandela, und manchmal von beiden gleichzeitig. Dann greift ein junger Pfarrer zum Mikrofon und sagt weise Worte. „Ich fragte Kinder, ob es einen neuen Mandela, einen neuen Menschen dieses Kalibers geben kann.“ Sie hätten verneint. Er stimme damit nicht überein. „Das Licht, das in Mandela schien, scheint in uns allen.“ Man müsse nur den Mut haben, es zu nutzen. Präsident Jacop Zuma, möglicher Adressat der Worte, war bei einer parallel stattfindenden Trauerfeier.

AUF EINEN BLICK

59 Staats- und Regierungschefs werden kommende Woche an den Trauerfeierlichkeiten für Nelson Mandela teilnehmen. Ob auch Bundespräsident Heinz Fischer nach Südafrika reisen wird, ist noch offen. Die zentrale Gedenkfeier wird am Dienstag in Johannesburg stattfinden. Zehntausende werden erwartet. Beigesetzt werden soll der Nationalheld und Friedensnobelpreisträger am 15. Dezember in Qunu am Ostkap, wo er aufgewachsen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2013)