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Karl Marx, von totalitären Ketten befreit

(c) REUTERS (THOMAS PETER)
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US-Historiker Timothy Snyder hält Marx für ein Genie mit Zukunft. Biograf Jonathan Sperber zeigt, wie sehr dessen Philosophie dem 19. Jahrhundert verhaftet war. Der Philologe Terry Eagleton behauptet er hatte recht.


Karl Marx ist tot. Der Kapitalismus hat ihn getötet. Vor fast einem Vierteljahrhundert, mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende der kommunistischen Herrschaften in Osteuropa, schien dieses Urteil über einen der bedeutendsten deutschen Philosophen nicht nur des 19. Jahrhunderts schlüssig. „What's left?“, fragten sich in einer Essay-Sammlung Denker wie Norberto Bobbio und André Gorz, sieben Jahre vor Ende des 20. Jahrhunderts, das Marx zumindest politisch in weiten Teilen der Welt dominiert hatte. Die Linke war in der Defensive, die Frage schien rhetorisch.

Der Mann der Stunde war damals der US-Politologe Francis Fukuyama, Epigone von John Locke, Friedrich W. Hegel – und sogar Marx: „Das Ende der Geschichte?“, fragte Fukuyama 1989 in einem Essay, den er später zum kontroversiellen Bestseller ohne Fragezeichen ausbaute: „The End of History and the Last Man“. Der Neoliberalismus amerikanischer Prägung hatte angeblich gewonnen, und mit ihm die Demokratie wie auch die Marktwirtschaft. Der flotte Denker argumentierte tatsächlich marxistisch, um den Untergang des Marxismus zu begründen.

Er war doch niemals ein Marxist!


Wie sieht es aber heute aus, fast ein Vierteljahrhundert später, mit jenem revolutionären Geist aus Trier, der mit Friedrich Engels 1848 das „Manifest der Kommunistischen Partei“ verfasste und sein Hauptwerk, „Das Kapital“, nicht vollenden konnte? Der – Gott bewahre! – niemals ein Marxist sein wollte? Hat der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton recht, der 2011 das Buch „Why Marx was right“ veröffentlichte? Wegen der Krise des Kapitalismus sieht er ein Revival des Vorkämpfers der klassenlosen Gesellschaft kommen. Für ihn stand Marx dem Staat kritisch gegenüber, verteidigte vehement das Individuum: „Er hoffte auf Vielfalt, nicht Einförmigkeit.“ Sein Materialismus war laut Eagleton durchaus mit moralischen Überzeugungen zu vereinbaren.

Doch wer weiß das noch bei all den Zerrbildern, die Feinde und Fans des Philosophen erzeugt haben? Es gebe erstmals seit den Lebzeiten von Marx (1818–1883) eine ganze Generation von Intellektuellen, die zu Marx nicht Stellung nehmen müsse, sagte der Historiker Timothy Snyder am Dienstag zu Beginn seines Vortrags „Why does Karl Marx matter?“ am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Der Professor der Universität Yale bedauert das. Für ihn ist Marx ein großes Genie, ein universaler Denker, der in uns Unruhe erzeugt. Zwar habe es nie eine Revolution jener Art gegeben, die Marx vorausgesagt hatte (am ehesten noch durch Polens Solidarnosc 1980), doch alle Umbrüche in Zentral- und Osteuropa seit 1917 hatten etwas mit ihm zu tun.

Snyder, der 2010 in seinem Buch „Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin“ rekonstruiert hat, wie die Nazis und Sowjets in den Dreißiger- und Vierzigerjahren im Gebiet zwischen Berlin und Moskau Massenvernichtung betrieben, ging auch auf Verirrungen und Perversionen des Leninismus und Stalinismus ein. Für Letzteren schien besonders im Zweiten Weltkrieg alles erlaubt zu sein, sogar eine Allianz mit den Nazis, auf die dann ab 1945 nach Massenmord und Vertreibung die Einverleibung Osteuropas folgte. Etwas Empathie hatte Snyder für die Ära des Sowjetführers Leonid Breschnjew, der recht raffiniert den Status quo zum realen Sozialismus erklärte. Reform? Nein. Revisionismus? Nein. Hauptsache, die Arbeiterklasse werde durch Konsum bei Laune gehalten. Für diese Politik legte Snyder dem Taktiker Breschnjew einen Slogan in den Mund, den man von der konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher kennt: „TINA – There Is No Alternative.“

Der Philosoph hinter der Ideologie


Anhand der Wirkungsgeschichte zeigte der Historiker dann, dass die marxistische Tradition noch viel stärker im gegenwärtigen Diskurs und in der Politik vorhanden sei, als wir uns vorstellten. „Marx kann abgelehnt, aber nicht abgetan werden.“ Der Marxismus könne aber auch nicht in Unschuld wiederkehren. Man habe nunmehr keine andere Wahl, als darüber nachzudenken, mit welchem Marx man sich warum beschäftige. Snyder empfiehlt offenbar, dass man sich seiner ursprünglichen Philosophie zuwende, um das Erbe richtig einschätzen zu können.

Der wahre Marx also jenseits von Lenin, Stalin oder Mao? Das erinnert an die 2013 erschienene, umfangreiche Biografie von Jonathan Sperber, die schon im Titel die Stoßrichtung andeutet. „Karl Marx: A Nineteenth-Century Life“ möchte den echten Charakter hinter den vielen Masken zeigen, jenseits der missglückten Utopien. Es ist eine Ideengeschichte. Marx stand der Französischen Revolution und der beginnenden Industrialisierung näher als uns. Ihn als Propheten des Kapitalismus von heute zu sehen oder für die Gräuel des 20. Jahrhunderts verantwortlich zu machen wäre deplatziert, eine unerlaubte Projektion. Verteidiger der wahren Lehre mögen es als Revisionismus einschätzen, aber dieser komplexe deutsche Philosoph lässt sich nicht auf simple Formeln herunterbrechen. Es wird von Sperber auch nicht so sehr gezeigt, wie das Denken von Marx die Welt verändert, sondern wie er sie interpretiert hat – immer wieder neu, auch im Widerspruch. Der Mann ließ sich nicht anketten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2013)