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Davutoğlu: Deportation von Armeniern war „unmenschlich“

Ahmet Davutoğlu
Ahmet Davutoğlu(c) EPA (ORESTIS PANAGIOTOU)
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Der türkische Außenminister hat die armenische Hauptstadt besucht, und warb für einen regionalen Schulterschluss der Schwarzmeerländer.

Wien/Jerewan. Ahmet Davutoğlu ist durch die Hintertür gekommen. Der türkische Außenminister hat am Donnerstag an einer Konferenz in der armenischen Hauptstadt Jerewan teilgenommen – und „begrüßt“ wurde er von einer Gruppe Demonstranten. Während Davutoğlu also einen weniger auffälligen Eingang zum Treffen der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation benutzte, forderten die Demonstranten die Türkei auf, den Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs anzuerkennen.

Und auch was dieses Thema betrifft, ist Davutoğlu durch den diplomatischen Hintereingang gekommen. Nach der Konferenz sagte er zu Journalisten, dass die „Deportation“ von Armeniern „unmenschlich“ und ein „Fehler“ war. Um eine Normalisierung der traditionell belasteten Beziehungen beider Länder, die keine diplomatischen Kontakte pflegen, erreichen zu können – Davutoğlu sprach von einer „neuen Freundschaft“ –, müsse man sich gemeinsam an die Vergangenheit erinnern, sich auf die Fakten besinnen. So verurteilte Davutoğlu die in der Türkei weitverbreitete Annahme, dass die Armenier durch „Vaterlandsverrat“ die Deportation provoziert, ja gar verdient hätten.

(C) DiePresse

Fußballdiplomatie auf Eis

Freilich, das Wort Genozid hat Davutoğlu nicht in den Mund genommen. Stattdessen traf er türkisch-armenische Journalisten, gab zu Protokoll, dass er auf seinen Reisen als Minister immer versuche, Vertreter der armenischen Diaspora zu treffen. Die regierende AKP gilt als minderheitenfreundlich. Und auch was die Beziehungen zu Armenien betrifft, standen die Chancen für eine Normalisierung noch nie so gut wie jetzt. Vor sechs Jahren vermittelte die Schweiz Gespräche zwischen den Ländern, der türkische Präsident Abdullah Gül besuchte das Fußballspiel Türkei – Armenien in Jerewan, weitere Treffen hochrangiger Politiker folgten. Die Fußballdiplomatie, das politische Tauwetter hielt nicht lange an. Vor vier Jahren wurden die Gespräche eingefroren.

Nun könnte die Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation die Beziehungen wieder aufflammen lassen. Die Region ist jüngst wieder in das Blickfeld des türkischen Außenministeriums gerückt, nachdem die fragile Lage in den arabischen Ländern die Pläne, dort eine diplomatische Offensive zu starten, zunichte gemacht hatte. Der Außenminister wünscht eine starke Schwarmeerregion mit regem, wirtschaftlichem Austausch – und vermutlich auch mit der Türkei als Dirigenten. Er zielt darauf ab, dass die dichten Grenzen zwischen der Türkei, Armenien und Aserbaidschan fallen. Ein diplomatischer Hochseilakt.

Zwischen der Türkei und Armenien ist die Grenze seit 20 Jahren geschlossen, dahinter steht der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Bergkarabach; armenische Truppen halten die Region besetzt, wobei Armenien und Aserbaidschan Anspruch auf die Oberhoheit erheben. Die Türkei steht hinter Aserbaidschan, ist sie doch von den Energielieferungen aus dem Kaukasus abhängig.

Eine Grenzöffnung würde Armenien jedenfalls wirtschaftlichen Aufschwung versprechen, das bisweilen isolierte Land zeigt sich allerdings zurückhaltend. Fragen um die Region Bergkarabach sollen zwischen Davutoğlu und seinem armenischen Pendant Edward Nalbandjan allerdings nicht erörtert worden sein.

 

Brief an Hochschulen

Während in Jerewan also Gespräche stattfanden, sorgten in der Türkei Medienberichte für Aufregung, wonach die Türkische Historische Gesellschaft einen Brief an die Hochschulen gesendet habe. Die Namen aller Studenten, die sich mit der Armenien-Frage befassen, sollen bekannt gegeben werden. Die Betroffenen orten gezielte Einflussnahme, während es von offizieller Seite heißt: Dadurch soll die wissenschaftliche Zusammenarbeit erleichtert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2013)