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25 Jahre "Philharmoniker": Eine Münze für die Welt

Die Presse (Fabry)

2014 wird der Wiener Philharmoniker 25 Jahre alt. Was als kleiner Gedanke begann, ist heute eine der wichtigsten Goldmünzen der Welt, die regelmäßig auf Platz eins der Verkaufscharts liegt. Dabei wäre das »Geheimprojekt Goldmünze« mehr als einmal fast gescheitert. Die Biografie einer Idee.

Als Thomas Pesendorfer eines Abends gegen Ende des Jahres 1988 den kurzen Weg vom Wiener Heumarkt zum Musikverein spazierte, konnte er unmöglich wissen, dass seine Karriere vom folgenden Termin für immer geprägt sein würde. Und schon gar nicht konnte er wissen, dass sein kurzer Weg ein kleines Stück der Geschichte der Zweiten Republik schreiben wird. Eine Erfolgsgeschichte, die fast daran gescheitert wäre, womit sie begonnen hat. An der guten alten österreichischen Bürokratie.

Es begab sich nämlich so: Pesendorfer, damals ein Graveur im sogenannten Hauptmünzamt, hatte den Auftrag, musikalische Motive für eine neue Goldmünze zu recherchieren. Allerdings nur in halb offizieller Mission. „Ich war quasi inkognito dort“, erzählt Pesendorfer heute. Denn niemand durfte wissen, dass es eine neue Goldmünze aus Österreich geben sollte. Das Hauptmünzamt wäre mit Motivvorschlägen und politischen Begehrlichkeiten überschwemmt worden.

„Die Sekretärin der Philharmoniker hat mich gleich gefragt, ob ich nicht ein offizielles Schreiben dabei habe. Da könne ja jeder kommen und behaupten, er käme vom Münzamt, hat sie gesagt.“ Aber ein offizielles Schreiben gab es nicht. Der Vorstand der heutigen Münze Österreich wusste zu diesem Zeitpunkt gar nichts vom Ausflug des Graveurs. Musik war nur eines der möglichen Motive für das „Geheimprojekt Goldmünze“. Und wenn an diesem Abend nicht zufällig die Ehefrau des damaligen Philharmoniker-Vorstands Werner Resel im Vorzimmer gesessen wäre – vielleicht hätte es den Wiener Philharmoniker nie gegeben.


„Münze zu Wien“. Vielleicht wäre eine Stephansdom- oder eine Fenstergucker-Münze draus geworden. Und wer weiß, ob diese Münze jemals geschafft hätte, was der Philharmoniker in den ersten 25 Jahren seiner Existenz rasch erreicht hat: die wichtigste Goldmünze der Welt zu werden.

Im kommenden Jahr wird der Philharmoniker, der inzwischen in vielen Ländern quasi als Synonym für Gold gesehen wird, ein Vierteljahrhundert alt. Seine Mutter, die heutige Münze Österreich, feiert im selben Jahr bereits ihren 820. Geburtstag. Und beide, die Prägeanstalt und die Goldmünze, dürfen sich dafür ausgerechnet beim Silber bedanken.

Die Münze zu Wien entstand nämlich 1194 am Hof der Babenberger, weil niemand so recht wusste, wohin mit dem vielen Silber, das die Engländer als Lösegeld für den gefangen genommenen Richard Löwenherz gezahlt hatten (siehe Zeitleiste). Und auch die Geschichte des Philharmonikers beginnt mit Silber. Oder genauer: an der Kreuzung zwischen Silber und jener bereits erwähnten österreichischen Bürokratie.

Bis 1989 war die Münze Österreich nämlich als Hauptmünzamt direkt dem Finanzministerium unterstellt. Die vom Münzamt in den 1980er-Jahren herausgegebenen Olympia-Silbermünzen waren aber so erfolgreich, dass die Nationalbank ein bisschen nervös wurde. „Diese Münzen hatten mit 500 Schilling einen derart hohen Nennwert, dass das Finanzministerium mit der Zeit fast eine Milliarde Schilling in Umlauf brachte“, erzählt Paul Berger, der erste Generaldirektor der umbenannten Münze Österreich.

Die Kontrolle der Geldmenge gehört nämlich zu den Aufgaben der Nationalbank – und nicht des Finanzministeriums. „Also hat die Nationalbank gesagt: Wir kaufen die Münze“, so Berger. Und nach einigen Gutachten und Gegengutachten zum Wert der jahrhundertealten Prägeanstalt legte die Nationalbank acht Milliarden Schilling auf den Tisch und übernahm das Münzgeschäft. Berger wurde nach 32Dienstjahren in der Nationalbank an den Heumarkt geschickt. „Ich wünschte, ich hätte Fotos gemacht, wie es damals ausgesehen hat“, sagt er. „Das Budget des Münzamts war winzig. Die Sammlermünzen hatten nicht einmal ein beidseitiges Motiv. Auf der Vorderseite stand einfach nur: ,Republik Österreich‘. International galten sie als Ramsch.“

Berger besuchte Münzmessen und die damals führende Münzstätte der Welt: die Canadian Mint, Mutter des Maple Leaf, der den Markt gemeinsam mit dem südafrikanischen Krugerrand dominierte. Aber Gold war in den 1980er-Jahren eigentlich kein Thema. Die große Inflation der 1970er hatte den Goldpreis 1980 auf ein Rekordhoch von fast 850 Dollar pro Unze getrieben. Nachdem diese „Blase“ platzte und der Preis auf einen Tiefstand von 300 Dollar fiel, war das Thema Gold für Anleger auf Jahrzehnte erledigt.

„Aber die Österreicher waren trotzdem Goldfans“, sagt Berger. Und für den neuen Chef der Münze war nach Besuchen in Kanada klar: „Wir brauchen eine Bullionmünze aus Österreich.“ Bullion steht im Englischen für Barren. Und eine Bullionmünze unterscheidet sich von einer „normalen“ Münze darin, dass ihr Materialwert den Nenn- oder Sammlerwert weit übersteigt. Die Prägung einer Bullionmünze ist nicht viel mehr als Marketing – aber dennoch von enormer Bedeutung.


Symbiose. Hier kommen die Philharmoniker wieder ins Spiel. Bis heute haben sie für die Kooperation kein Geld von der Münze erhalten, weil das aus irgendeinem Grund vom Münzgesetz verboten wird. Der heutige Philharmoniker-Vorstand, Clemens Hellsberg, sieht in der Philharmoniker-Münze trotzdem eine „perfekte Symbiose“.

Wie es der Zufall so wollte, war er es, der nach dem Besuch des Graveurs Thomas Pesendorfer das Projekt im Haus des Musikvereins antrieb. Aber zuerst musste er herausfinden, wer da überhaupt ein Musikmotiv auf eine Goldmünze gravieren wollte. Clemens Hellsberg war 1988/89 der Archivar des Orchesters.

„Nachdem seine Frau dem damaligen Vorstand von dem merkwürdigen Besuch erzählt hatte, wurde ich beauftragt, herauszufinden, was da los ist“, erzählt Hellsberg im Gespräch mit der „Presse“. Mithilfe eines Telefonbuchs und einem bisschen Glück landete Hellsberg bei Pesendorfer und lud ihn in den Musikverein ein: diesmal offiziell. „Wir haben dann gemeinsam das Archiv durchstöbert“, erzählt Graveur Pesendorfer.

Zu diesem Zeitpunkt war das Motiv Philharmoniker noch immer nur eine Option von vielen. Die Goldhaube lag auch noch gut im Rennen. Aber sie war schon damals auf der Zehn-Schilling-Münze zu sehen. Option drei war, das Stift Melk abzubilden. Bei einem Gespräch zwischen Vertretern der Philharmoniker und der Nationalbank fiel dann die Entscheidung, so Philharmoniker-Vorstand Hellsberg. „Die Argumentation war: Mit einem Stift kann man nicht reisen und es im Ausland bekannt machen. Wir als Orchester waren aber schon damals ein Begriff in Tokio, New York, Paris und London. Genau dort fuhren und fahren wir regelmäßig hin. Das hat die Nationalbank überzeugt.“

Und sie sollte ihre Entscheidung nicht bereuen. So ist der Wiener Philharmoniker unter den Goldmünzen in Japan jedes Jahr die meistverkaufte – der Marktführer. „Weil die Japaner das mit einem Besuch in Wien oder einem Gastspiel der Philharmoniker in Tokio verbinden“, sagt der aktuelle Münze-Chef Gerhard Starsich, der seit der Finanzkrise 2008 die zweite Boom-Phase des Philharmoniker erlebt. Die Münze schrieb in den Krisenjahren regelmäßig Rekordumsätze. „Ein neuer Goldmarkt“, sagt Starsich. Auch nachdem sich die Krise nach 2011 ein wenig entspannt hatte und der Goldpreis nachgab, ließ die Nachfrage kaum nach.


Inflationsangst. Aber diese Entwicklung konnte im Oktober 1989, als der Philharmoniker der Welt vorgestellt wurde, noch niemand ahnen. Wie erwähnt, war Gold als Anlageform eigentlich kein Thema. Aber Paul Berger und die Münze Österreich glaubten an ihr neues Produkt. „Die Goldbegeisterung der Österreicher muss mit der großen Inflation nach dem Ersten Weltkrieg zusammenhängen. Das sitzt tief“, sagt Paul Berger.

Eine letzte bürokratische Hürde mussten Münze und Nationalbank aber noch aus dem Weg räumen: die Mehrwertsteuer. „Damals mussten die Österreicher beim Goldkauf 20 Prozent Steuer zahlen, hatten also schon beim Kauf verloren. Aber Besitzer eines ausländischen Passes konnten Maple Leafs und Krugerrands steuerfrei kaufen.“ Nachdem die Mehrwertsteuer gefallen war, kannten die Österreicher kein Halten mehr. Während Gold auf dem Weltmarkt weiterhin kaum eine Rolle spielte, ließen sie sich die Kombination aus niedrigen Preisen und der weggefallenen Steuer nicht entgehen.

Münze-Chef Berger hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, irgendwann Platz drei auf dem Weltmarkt zu erobern. Die Entwurf- und Planungskosten des Philharmonikers waren nach weniger als einem Jahr wieder hereingespielt. Schon 1991 landete die Münze Österreich mit einem Weltmarktanteil von 22 Prozent auf Platz zwei hinter der Konkurrenz aus Kanada. Eagle (USA), Nugget (Australien) und die Britannia (Großbritannien) waren abgehängt. Ein Jahr später – nur wenige Jahre nach der Einführung der Münze mit dem bis dahin höchsten Goldfeingehalt auf dem Markt – gesellte sich zu Unze (31,1034768 Gramm), halber Unze und Viertelunze auch ein Philharmoniker mit einem Gewicht von nur einer Zehntelunze.

Und 1992 war es schon so weit: Der Philharmoniker avancierte mit einem Marktanteil von 30 Prozent zur meistverkauften Goldmünze der Welt. Seither wechselt er sich mit den engsten Konkurrenten aus Nordamerika auf dem Spitzenplatz ab – je nachdem, wo die Nachfrage gerade am stärksten ist.

Die heimischen Zeitungen schrieben in den 1990er-Jahren vom „Goldfieber“ der Österreicher und den „enormen Chancen“ auf dem Goldmarkt. „Die Presse“ blieb eher kühl und skeptisch – und warnte noch 1995 vor dem „gefährlichen Goldrausch“.

Aber nachdem die Mehrwertsteuer auf Goldmünzen 1999 EU-weit abgeschafft wurde, ging der Goldrausch erst wirklich los. Der Preis stieg mehr als zehn Jahre lang, und selbst nach einem Einbruch 2011 verkauft die Münze noch Rekordmengen – bis zu 27.000 Unzen Philharmoniker-Gold pro Tag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2013)