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Berczeller: "Ich empfand immer Nostalgie für Europa"

Der Arzt Peter Berczeller wuchs im Burgenland auf und musste mit seiner Familie nach dem Anschluss fliehen. Seit einem Jahr wohnt er sporadisch wieder in Wien – und hat nun eine Autobiografie veröffentlicht. Ein Gespräch über die Sozialdemokratie, seinen Vater Richard Berczeller – und warum es schwierig ist, einen Platz in Mattersburg umzubenennen.

Sie wurden in Österreich geboren, mussten nach dem Anschluss an NS-Deutschland fliehen und nun, 75 Jahre später, wohnen Sie sporadisch in Wien.

Peter Berczeller: Es ist vielleicht paradox, aber: Österreich ist meine Heimat – und ist mir fremd.

Dasselbe Gefühl hatten Sie als Kind, nur umgekehrt. In Ihrer neuen Autobiografie „Der kleine weiße Mantel“ schreiben Sie über die Flucht: „Alles was nicht Österreich war, war fremd.“

Das war alles, was ich gekannt habe. Wir sind damals nach Frankreich gegangen. 1941 mussten wir wieder weg. Amerika war das Land, wo ich alles getan habe. Ich habe Medizin studiert, meine Frau war Amerikanerin, meine Kinder sind Amerikaner. Ich habe mich an das Leben sehr angepasst. Heimat hat man keine, wenn man vertrieben wird. Ich selbst passe wahrscheinlich am besten nach Amerika, ich lese jeden Tag in der Früh die „New York Times“. Aber ich empfand immer Nostalgie für Europa – nicht spezifisch an Österreich. 1994 sind wir wieder nach Frankreich gezogen. Für mich ist Frankreich emotional neutral, Österreich ist voller emotionaler Komplikationen.

Wollte Ihr Vater, der burgenländische Arzt und Autor Richard Berczeller, nach dem Krieg nie zurück nach Österreich?

Die Leute um mich herum waren gegen Österreich, haben zum Beispiel ihre Namen geändert. Sie wollten nie nach Europa zurück. Mein Vater, der österreichischer Patriot und überzeugter Sozialist war, hat immer gesagt, dass wir Österreich nicht vergessen sollen. Seine alten Burgenland-Genossen wollten, dass er zurückkommt, man wollte ihn sogar zum Gesundheitsminister machen. Aber mein Vater sagte, dass er mir das nicht antun wolle. Vier Jahre nach unserer Ankunft in New York wären wir wieder gegangen. Außerdem waren wir sehr verbunden mit der sozialistischen Emigration dort. Es gab da eine Cafeteria in New York. Die österreichischen Flüchtlinge haben nicht verstanden, dass das kein Kaffeehaus ist. Sie sind hinein, haben für eine Tasse Kaffee fünf Cent bezahlt und stundenlang Schach gespielt. Der Manager hat sie eines Tages mit den Worten „Wir verdienen da nichts!“ hinausgeschmissen.

Kann man die Bedeutung der Vereinigten Staaten für diejenigen, die vor den Nationalsozialisten dorthin geflohen sind, eigentlich in Worte fassen?

Wir sind wahnsinnig dankbar, dass Amerika uns das Leben gerettet hat. Das Land hat uns die Möglichkeit gegeben, ein ordentliches Leben zu führen. Als wir angekommen sind, waren wir verhungert, dünn, arm, niedergeschlagen, ohne Staatsbürgerschaft. Sie haben uns alles irgendwie möglich gemacht. Die meisten von unserer Emigration sind dort geblieben, wir sind Staatsbürger geworden. Es sind persönliche Gründe, warum ich nicht in Amerika lebe, aber ideologisch bin ich doch sehr verbunden mit dem Land.

Ihr Vater beschreibt in einer seiner Geschichten, dass Sie als Kind den Politiker und Gründer des Schutzbundes, Julius Deutsch, einen schlechten General nannten...

Deutsch hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und hatte eine Wunde, mein Onkel Arpad hat ihn behandelt. Ich habe ihn gefragt, ob sie den Krieg gewonnen haben – und er sagte Nein. „Dann sind Sie ein schlechter General“, habe ich gesagt. Als Kind habe ich die Persönlichkeiten der Sozialdemokratie kennengelernt, Friedrich Adler zum Beispiel. Mein Vater hat Wilhelm Ellenbogen behandelt, andere wie Otto Leichter und sein Sohn waren später meine Patienten. Ich kann mich an das Begräbnis von Otto Bauer in Paris erinnern. Mein Vater war sehr schockiert über seinen Tod.

In Frankreich haben die österreichischen Sozialdemokraten die Flüchtlinge auch finanziell unterstützt.

Nach Paris hatte die Partei anscheinend Geld geschickt. Es war gerade so viel, dass die Leute davon leben konnten. In New York war das nicht so. Dort wurden wir von jüdischen Organisationen erhalten, die uns 75 Dollar im Monat gegeben haben. Meine Mutter hat illegal in einer Puppenfabrik gearbeitet. Mein Vater musste Englisch studieren, bevor er die medizinische Prüfung machen konnte. Er war zuerst Arzt in einem Altersheim, hat dort sehr wenig bezahlt bekommen. Es hat Jahre gedauert, bis sich die Leute eine Existenz aufgebaut haben.

Bisweilen hört man nicht ohne Vorwurf, dass es den Flüchtlingen in der Emigration besser gegangen sei, während Wien zerbombt wurde.

Ja, man hört das, ich finde das wirklich komisch. Denn sie sagen nicht dazu, dass wir gegangen sind, weil sie uns hinausgeschmissen haben. Wir haben wirklich gelitten.

Richard Berczeller hat im „New Yorker“ Kurzgeschichten veröffentlicht, unter anderem über die Flucht aus Mattersburg.

Mein Vater war immer jemand, der wunderbar Geschichten erzählt hat. Er war mehr oder weniger Journalist, hat für die „Burgenländische Freiheit“ geschrieben, und „Aufbau“ in New York. Ende der 1950er-Jahre hatte er die Idee, Kurzgeschichten zu schreiben. Erst vor einigen Jahren habe ich bemerkt, dass seine Geschichten auf Deutsch gar nicht erhältlich sind. Voriges Jahr ist dann das Buch („Fahrt ins Blaue“, Anm.) erschienen.

Ihr Vater hinterlässt in seinen Büchern den Eindruck, dass ihm die Partei wichtig gewesen ist: Er ist sehr loyal, sagt immer nur das Beste über alle anderen. Gab es denn niemanden, dem er kritisch gegenüberstand?

Soweit ich mich erinnern kann, hat er sich mit den Parteileuten sehr gut vertragen, er war befreundet mit ihnen. Er wurde auch zu einer Vaterfigur für Fred Sinowatz. Als mein Vater im Sterben lag, habe ich Sinowatz gebeten, meinen Vater anzurufen. Er hat ihm dann gesagt, wie wichtig er für die Partei war. Das war das Letzte, was mein Vater gehört hat.

Wie verbunden sind Sie selbst mit der Sozialdemokratie?

Ich bin sehr linksliberal, aber ich bin individualistisch, kein Organisationsmensch. Ich gehöre keinen Parteien oder Klubs an. Für unsere Generation war das weniger wichtig. Ich habe ein paar Sachen gemacht, gegen den Vietnam-Krieg zum Beispiel. Eine typisch amerikanisch-linksliberale Attitüde.

Sie fühlen sich auch Mattersburg im Burgenland, wo Sie Ihre Kindheit verbracht haben, sehr verbunden.

Ich bin einer der Gründer des Vereins „Wir erinnern“. Wir wollen die Erinnerung an die jüdische Gemeinschaft hochhalten. Die Mitglieder sind interessanterweise alle Nichtjuden, außer ich. Es sind gute Leute.

Was wollen Sie in Mattersburg bewirken?

Die Grundlage des mittelalterlichen Tempels existiert noch. Wir wollen ihn ausgraben und eine Gedenkstätte daraus machen. Ich bin sehr empört darüber, dass überhaupt keine Straßen nach Juden benannt wurden. Dafür haben sie eine Straße nach Hans Suchard benannt, einem Sozialisten, der am 12. März 1938 seinen Hakenkreuz-Anhänger herausgenommen hat. Ich habe in letzter Zeit versucht, bei der Bürgermeisterin zu intervenieren. Sie haben ohne mein Wissen eine Gasse, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, nach meinem Vater benannt. Mein Vater ist der berühmteste Bürger von Mattersburg, er hat Mattersburg in die Weltliteratur gebracht. Das ist Grund genug, dass der Hauptplatz nach ihm benannt wird. Dort haben wir gelebt. Aber die Bürgermeisterin weigert sich.

Warum, glauben Sie, ist es schwierig, einen Platz in Mattersburg umzubenennen?

Ich glaube, dass die Betroffenen Angst haben, politisch zu verlieren. Ich bin sogar zum Landeshauptmann gegangen, habe mit ihm gesprochen und ihn gebeten, dass er mit der Bürgermeisterin spricht. Ich habe ihm auch einen Brief geschrieben. Ich habe nie eine Antwort zurückbekommen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Ihr Vater nach dem Anschluss von den Nazis weggeführt wurde. Er musste in Mattersburg Autos waschen. Einmal haben Sie ihn dabei auf der Straße gesehen.

Ich war glücklich, als ich ihn sah. Aber es war eine drohende Atmosphäre. Das waren Leute, die eine Woche früher wichtige Persönlichkeiten waren, und plötzlich sind sie schmutzig und schlafen im Stroh. Natürlich habe ich wahnsinnige Angst gehabt, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen werde. Es war eine Art interner Terror. Aber die Leute waren so naiv damals, sie glaubten, die Nazis wollen sie hinausschmeißen, um sie zu berauben, ihnen Geld, Position und Geschäfte wegnehmen. An Holocaust hat niemand gedacht.

STECKBRIEF

1931 Peter Berczeller wird in Wien geboren. Sein Vater ist der jüdische Arzt und Sozialdemokrat Richard Berczeller, der in Mattersburg praktiziert. 1934 verliert Richard Berczeller die Genehmigung zu arbeiten. Nach dem Anschluss flieht die Familie.

1941 kommen die Berczellers in New York an. Peter studiert Medizin in Chicago. Später gehören zu seinen Patienten viele (sozialdemokratische) Flüchtlinge aus Österreich.
Seine Autobiografie "Der kleine weiße Mantel" ist nun im Metroverlag erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2013)