Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Streit um CT- und MRT-Honorar: Wartezeiten kosten 49 Mio. Euro

Wartezeiten auf CT und MRT kosten 49 Mio. Euro
MRTImago (Alimdi)
  • Drucken

Durch Patientenstau verursachte Krankenstandstage schaden der Wirtschaft deutlich mehr, als der Honorardeckel den Kassen nutzt.

Wien. Nach dem Scheitern der Honorarverhandlungen für Magnetresonanz- (MRT) und Computertomografie (CT) präsentieren die Radiologen nun eine Studie, die die wirtschaftlichen Folgen der von den Kassen gedeckelten Untersuchungen verdeutlichen soll.

Fazit der von der Wirtschaftskammer, welche die Institute für bildgebende Diagnostik vertritt, in Auftrag gegebenen Untersuchung: Die wegen der Honorardeckelung entstehenden Wartezeiten (durchschnittlich 20,5 Kalendertage) verursachen jährlich rund 380.000 zusätzliche Krankenstandstage, weil beispielsweise Diagnosen zu spät gestellt werden und dadurch Behandlungen mit Verzögerung beginnen. Das wiederum bedeutet für die Wirtschaft Wertschöpfungseinbußen von 49 Millionen Euro (129 Euro pro Krankenstandstag). Der Einsparungseffekt der Krankenkassen liegt bei 2,5 Millionen Euro. Befragt wurden im Oktober österreichweit 47 Institute, bei 21 von ihnen auch Patienten.

Keine Inflationsanpassung

„Wenn man sich bei der Gesundheitsversorgung verpflichtet, ein gewisses Qualitätslevel zu erreichen und zu etablieren, halte ich eine Deckelung von Untersuchungen für problematisch“, sagt Studienleiter Gottfried Haber, Leiter des Zentrums für Management im Gesundheitswesen sowie des Forschungsbereichs Wirtschafts- und Finanzpolitik der Donau-Universität Krems.

Damit untermauert Haber den Standpunkt der Radiologen. Sie fordern, dass in Zukunft der Deckel auf die Frequenz der Untersuchungen entfällt. „Schließlich werden sämtliche Untersuchungen von anderen Kollegen angeordnet und von den Chefärzten der Krankenkassen als medizinisch notwendig bewilligt“, sagt Manfred Baldt, Verhandlungsführer der 110 Institute für bildgebende Diagnostik in der Wirtschaftskammer. „Allenfalls könnten die Institute auch einem Modell zustimmen, in dem die Zahl ihrer seit vier Jahren gedeckelten Untersuchungen von 2014 bis 2020 um jährlich fünf Prozent steigen darf. Nur so können die Wartezeiten für Patienten reduziert werden.“ Die Tarife sollten dabei an die Inflationsrate angepasst werden, was seit 1990 nicht mehr geschehen sei.

20 Prozent Selbstbehalt drohen

Gibt es keine Einigung, droht den Patienten ab 1.Jänner ein vertragsloser Zustand, der ihnen teuer zu stehen kommen würde. Sie müssten die Untersuchungen bar bezahlen, würden von der Kasse aber nur 80 Prozent des Tarifs refundiert bekommen. Derzeit kostet eine MR-Untersuchung im Durchschnitt 150 Euro, eine CT 102 Euro. Bei einem vertragslosen Zustand würden die Ärzte Baldt zufolge aber mehr verlangen, um ihren zusätzlichen Verwaltungsaufwand abzudecken. Um wie viel, kann er nicht sagen. Eine Weisung an die Ärzte dürfe es aus kartellrechtlichen Gründen nicht geben. Aber er habe allen Instituten empfohlen, „sozial gestaffelte“ Tarife zu verlangen. „Manchen werden wir die Untersuchungen sogar schenken. Wir kennen unsere Patienten und wissen, wer sich was leisten kann.“

Ganz und gar unbeeindruckt von der Studie zeigt sich Bernhard Wurzer, Generaldirektor-Stellvertreter des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Eine Deckelung, wie sie von den Radiologen öffentlich lanciert wurde, existiere nicht. Wartezeiten für Patienten würden absichtlich zur Gewinnmaximierung herbeigeführt, obwohl sie gar nicht notwendig seien. „Für die Radiologen gibt es einen vernünftigen All-in-Vertrag mit einer Honorarobergrenze, der so schlecht nicht sein kann, schließlich führt er zu ordentlichen Bilanzgewinnen“, sagt Wurzer. „Dass es eine Deckelung geben soll, was die Zahl der Untersuchungen angeht, ist eine Falschinformation, die von den Radiologen wider besseres Wissen verbreitet wird. Eine solche Deckelung wäre rechtlich gar nicht möglich.“

Eine Interpretation der Rechtslage, die bei Manfred Baldt Kopfschütteln hervorruft. „Es ist beinahe skrupellos, so zu argumentieren. Selbstverständlich gibt es einen sogenannten Honorarsummendeckel. Und das bei Tarifen, die bei der Hälfte des europäischen Durchschnitts liegen“, so Baldt. Damit dieser Deckel nicht überschritten wird und die Ärzte gegen Ende des Jahres de facto ohne Honorar arbeiten müssen, würden sie die Untersuchungen aufteilen, um auch noch am Jahresende untersuchen zu können – was wegen der steigenden Frequenzen durch den medizinischen Fortschritt eben zu langen Wartezeiten führe. Dieser Umstand komme sehr wohl einer Deckelung der Untersuchungen gleich. „Wir werden jedenfalls weiterhin für die gerechte Sache kämpfen und akzeptieren nur Vorschläge, die zur Verringerung der Wartezeiten führen. Unsere Forderungen sind bekannt.“

Verhandlungen am Mittwoch

Forderungen, die Albert Maringer, Chefverhandler und Gebietskrankenkassen-Obmann in Oberösterreich, als „jenseits von dem, was einer sozialen Krankenversicherung zumutbar ist“, bezeichnet. Man müsse mit Geld der Versicherten sorgsam umgehen. Den Radiologen sei ein Abschluss über der Inflationsrate und auch eine Einmalzahlung angeboten worden. „Ich glaube, dass der Tarif selbst und das Angebot in dieser wirtschaftlichen Situation sehr fair sind.“

Dass die Institute die Verhandlungen vergangene Woche für gescheitert erklärt haben, sei überraschend gekommen. Man habe eigentlich ausgemacht, dass die Ärzte wegen eines weiteren Termins auf die Kasse zukommen – was mittlerweile geschehen ist. Die nächste Verhandlungsrunde findet am Mittwoch statt.

KURZ & KNAPP

Streit um Geld. Nach Interpretation der Radiologen kommt das gegenwärtige Bezahlschema der Krankenkassen einer Deckelung der Patientenfrequenz gleich. Um den erlaubten Honorarrahmen pro Jahr und Institut ausschöpfen zu können, verschieben diese viele Patienten für Magnetresonanz- und Computertomografie zeitlich nach hinten. Das, so eine Studie, verursache Krankenstandstage im Gegenwert von 49 Mio. Euro. Ab 2014 droht ein vertragsfreier Zustand zwischen Kassen und Radiologen. Patienten müssten dann 20% Selbstbehalt zahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2013)