In der Libro-Affäre wird immer nur von unzähligen Aktionären geredet, die ihr Geld verloren haben. Man sollte mehr über jene reden, die das viele Geld gewonnen haben.
S
o kompliziert das Spiel an der Börse auch sein mag, so einfach ist die Schlussrechnung. Wo Geld verloren geht, da wird es auch gewonnen. Börsespiele sind - sieht man von den Spannen der Händler ab - nicht selten Nullsummenspiele. Und das sollte man bedenken, wenn man sich die drittgrößte Firmenpleite in der österreichischen Nachkriegsgeschichte zu Gemüte führt. 334 Millionen Euro Schulden hatte die Buchhandelskette Libro angesammelt, als sie vor knapp vier Jahren in den Konkurs schlitterte. Tausende Aktionäre, die den Traum von der "New Economy" mit träumen wollten, sind schweißgebadet aufgeschreckt. Über Nacht waren ihre Aktien nichts mehr Wert.
Aus dem Sandmännchen André Rettberg war ein Buhmann geworden. Jetzt drohen Rettberg, der sich vor der Justiz versteckt hält, sogar bis zu zehn Jahre Gefängnis. Seit mehr als einem Jahr hält sich der einstige Topmanager vor der Polizei versteckt. Die sucht ihn - zumindest offiziell - per internationalem Haftbefehl. Freilich nicht wegen der eigentlichen Libro-Pleite. Es geht um Geld, das er an seinen Gläubigerbanken vorbei geschleust haben soll. Kein Kavaliersdelikt, aber ein Nebenaspekt im Vergleich zur drittgrößten Firmenpleite Österreichs.
Und längst stellt sich die Frage: Wäre es nicht sinnvoller, Rettberg freies Geleit zu geben, ihn nicht monatelang in U-Haft zu stecken - und im Gegenzug Einblicke in die wahre Libro-Pleite zu gewinnen? Fest steht: Es ist zu einfach, die Geschichte auf der schillernden Person André Rettberg allein aufzuhängen. (Bericht: S. 17)