Funde in China bestätigen, dass die Wildkatze aus freien Stücken zu den Menschen kam und sich so selbst domestizierte: In Getreidelagern fand sie reiche Nahrung, vierbeinige.
Wie viele Mäuse frisst eine Katze? Das ist nicht ganz klar, die Angaben schwanken – bei reiner Mäusekost – zwischen zehn und 20 am Tag. Nehmen wir den Mittelwert: 15, es geht ja nur um die Größenordnung. Dann muss man nur noch wissen, was eine Maus am Tag frisst bzw. verdirbt, hier ist, bezogen auf Getreide, die Schwankungsbreite noch größer, zwischen zehn Gramm und 70, die zehn beziehen sich nur auf das Fressen, bei den 70 ist anderer Schaden inkludiert, etwa das Verunreinigen durch Fäkalien. Mitteln wir auch hier: 40. Und schon rettet eine Katze am Tag 600 Gramm Getreide, macht grob gerechnet 200 Kilo im Jahr, und wenn man es feiner rechnet und auch den verhinderten Mäusenachwuchs inkludiert und die Mäuse, die nur erjagt, aber nicht gefressen werden, kommt man rasch in den Bereich von Tonnen.
Jäger auch auf dem Nil und den Meeren
Deshalb werden die Katzen freudig begrüßt worden sein, als sie sich einstellten bei den Menschen, die als Erste Getreide anbauten, bei Bauern in Anatolien, sie vollzogen vor 11.000 Jahren die Neolithische Revolution und wurden sesshaft. Sie haben die Katze domestiziert bzw. war es wohl eher umgekehrt, die Katze hat sich selbst domestiziert, sie kam aus freien Stücken zu den Menschen und passte sich deren Lebensbedingungen an.
Andere Tiere, Ziegen oder Rinder etwa, wurden gefangen und dann domestiziert. Bei Katzen war es anders, man vermutet es zumindest, man weiß wenig über die gemeinsame frühe Geschichte. Erste historische Zeugnisse tauchen vor 5000 Jahren bei den Ägyptern auf, Wandbilder, Mumien – und Berichte über den Einsatz, den Katzen später auf allen Weltmeeren verrichteten, bis die Royal Navy das ihren Besatzungen 1975 aus Hygienegründen verbot: Schiffskatzen sicherten die Frachten und Vorräte schon auf dem Nil.
Aber selbst zur Zeit der Ägypter waren sie schon lange da, die erste bekannte Hauskatze lebte vor 11.000 Jahren in Zypern – sie muss per Schiff gekommen sein –, und vor 9500 Jahren wurde eine neben einem Menschen beigesetzt. Aber was war am Beginn, und was zwischen 11.000 auf Zypern und 5000 in Ägypten, stimmt die Geschichte mit der Hüterin der Ernten? Sicher ist nur, dass sich viele Katzen zähmen lassen, auch ganz große, Löwen, Geparden, Panther, in frühen Kulturen wurden sie bei Hof gehalten, zum Prunk und als Jagdgehilfen. Bei anderen ging es nicht, beim Luchs etwa. Vielleicht hat man es auch nur nicht versucht: Als die Römer Ägypten eroberten und die Katze nach Europa brachten, verbreitete sie sich nur langsam, die Bauern hatten andere Mäusejäger, Frettchen vor allem.
Wie auch immer, viele Katzen lassen sich zähmen, aber damit sind sie noch nicht domestiziert. Dazu muss man sie erst einmal vermehren können – das geht etwa bei Geparden in Gefangenschaft schwer –, und dann müssen sie noch ein menschenfreundliches Wesen haben. Das hatte von allen Katzen nur eine, Felis silvestris lybica, die Afrikanische Wildkatze, die ihrem Namen zum Trotz auch im Nahen Osten heimisch war, von ihr stammen alle heutigen Hauskatzen.
Belohnung für Mäusejagd: Hirsebrei
Und sie wurden früh über große Distanzen mitgenommen, bis nach Nordchina, zur Yangshoa-Kultur. Die lebte vor 7000 bis 5000 Jahren vor allem von Hirse, man hielt auch Schweine und Hunde, etwa in der Siedlung Quanhucun. Dort hat sich erstmals bestätigt, dass Katzen als Verbündete willkommen waren (Pnas, 16. 12.): Bei Grabungen ist Yaowu Hu (Peking) in Getreidelagern auf Mauselöcher gestoßen und auf Gefäße, die so konstruiert waren, dass sie für Mäuse kaum zugänglich waren. Die waren also eine Plage. Aber Katzen waren bald auch da, vor 5300 Jahren, die Reste von zweien hat Hu gefunden, die eine war alt, vermutlich konnte sie nicht mehr jagen und wurde durchgefüttert.
Aber womit? Hu hat alle gefundenen Knochen – von Menschen und Tieren – auf ihre Kohlenstoff- und Stickstoffisotope analysiert, sie zeigen, ob die Ernährung eher aus C3- oder C4-Pflanzen bestand – der Unterschied liegt in der Art der Fotosynthese –, und ob sie überhaupt aus Pflanzen bestand oder Fleisch. Büsche bzw. Blätter sind C4, das fand sich dann auch in Rotwild; die einzige kultivierte C3-Pflanze war die Hirse, ihr Muster zeigte sich in Menschen, Schweinen und Hunden. Und in der Katze: Die ernährte sich nicht nur von Mäusen, sie wurde offenbar für ihren Segen auch mit Hirsebrei belohnt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2013)