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er belgische Kollege hat noch nie die Fassung verloren. Nicht beim stundenlangen Warten auf das Ende von nächtlichen EU-Verhandlungen. Auch nicht im Zug nach London, als ein betrunkenes britisches Pärchen partout auf seinem reservierten Sitzplatz schmusen wollte. Aber die Verständnislosigkeit von Nicht-Belgiern über die Besonderheiten des Brüsseler Alltags bringen seinen Lockenkopf vor Zorn zum Zittern.
Warum ist die Müllabfuhr von Bezirk zu Bezirk anders geregelt und so schwer zu durchschauen? "Die Brüsseler kapieren es." Weshalb dauert die behördliche Anmeldung länger als der geplante Aufenthalt? "Gut Ding braucht Weile." Wieso gibt es in der belgischen Hauptstadt kein Freibad? "Weil es selten heiß ist." Aber. . . waren da nicht etliche Tage, an denen das Thermometer 30 Grad und mehr anzeigte? "Das war nicht normal." In Brüssel geht man eben nicht schwimmen, auch wenn der belgische Sommer gegen seinen Ruf als kühl und regnerisch verstößt. Der Belgier wirft ein: Für ganz Unbeirrbare gebe es immerhin Flussbäder.
Ein gutes Stichwort: Eine österreichische Kollegin kippte dort beim Paddeln ins Wasser und hatte danach eine Hautreizung am ganzen Körper. Nun prüft sie jedes belgische Gewässer auf dessen Badewasserqualität. Und geht seitdem gar nicht mehr schwimmen. Überhaupt, die Wasserqualität. Stimmt es, dass Brüssel bei der Trinkwasserqualität hinter Bombay rangiert?
Jetzt reicht es dem gequälten Kollegen. Habt ihr denn keine anderen Sorgen? Na, was macht der Brüsseler jetzt also, wenn ihm heiß ist, er nicht schwimmen geht und das Leitungswasser nicht trinken kann? "Er sitzt in einem schattigen Gastgarten und trinkt ein Bier." Und stellt mit Sicherheit keine blöden Fragen.