Solange die Bilder von verwüsteten Häusern und Straßen präsent sind, dominiert das Mitleid. Doch ehe das Hochwasser verebbt, ist aus Leid blanker Neid geworden.
Es ist eine der nachhaltigsten Erfahrungen der Menschen in den Hochwassergebieten: Was die Flut nicht kaputt gemacht hat, das zerstörte später der Neid. Die Rede ist noch nicht von den Opfern in Westösterreich, die Rede ist von jenen, die im August 2002 in Ober- und Niederösterreich heimgesucht worden sind. Viele verloren buchstäblich alles. Damals war wochenlang von der großen Solidarität die Rede, von der Spendenfreude und von der Nachbarschaftshilfe. Immerzu wurde das "Wir" strapaziert. Und irgendwann waren sie weg, die Politiker, die Euro-Scheine verteilten, die Kameraleute, die die Politiker filmten, wie sie Euro-Scheine verteilten, und vor allem die vielen freiwilligen Helfer.
Geblieben sind die, die immer da waren. Mit dem Rückgang des Hochwassers trocknete auch der Kitt, der die Menschen zusammenhielt. "Es gibt welche, die sind viel ärmer dran", lautete bisher die Devise. Nun hieß es plötzlich: "Es gibt welche, denen wurde viel mehr Geld geschenkt."
Heute, drei Jahre danach, sind die Schäden im Kamptal, entlang der Donau oder im Tullnerfeld mit freiem Auge nicht mehr zu sehen. Das Leid ist mit Fleiß und finanzieller Hilfe bekämpft worden. Und trotzdem ist die Katastrophe in den Dörfern omnipräsent. Da gibt es Nachbarn, die seit drei Jahren kein Wort mehr miteinander reden. Da gibt es Familien, die sich zerstritten haben, weil der eine vermeintlich mehr Katastrophen-Geld bekommen hat. Der Neid gebar sogar so manch neues Wort: Hochwasser-Scheidung ist so ein Wort.