Die Armutsstatistik ist mit Vorsicht zu genießen.
Quasi über Nacht sind in Österreich 160.000 Menschen verarmt. Da die Statistik Austria bei ihrem EU-Sozialbericht erstmals direkt auf Einkommensdaten zurückgreifen konnte, ist die Zahl der Armutsgefährdeten genauer geworden: 2011 waren nicht, wie bisher angenommen, 12,6 Prozent der Österreicher, sondern 14,5 Prozent gefährdet.
Dieser etwas kuriose Vorfall – mir nichts, dir nichts gelten da plötzlich Zehntausende mehr als bedürftig, ohne dass sich faktisch etwas an ihrer Situation geändert hätte – zeigt, mit welcher Vorsicht Statistiken zu genießen sind.
Wer EU-weit ein komplexes Thema wie Armut erfassen will, muss bei den Kriterien Kompromisse eingehen, muss Dinge über einen Kamm scheren, die eigentlich völlig individuell sind. Allein schon die Definition der Armutsgefährdung – ein Haushaltseinkommen unter 60Prozent des nationalen Medianeinkommens – ist eher unpraktisch: Auf dem Land kommt man mit 20.000 Euro im Jahr (Gefährdungsgrenze für einen Zweierhaushalt) besser aus als in der Stadt, wo das Wohnen weit teurer ist.
Das führt nicht die Statistik selbst ad absurdum, die ja trotzdem langfristige Trends (etwa, dass die Zahl der Armen in Österreich seit Jahren gleich bleibt) abbildet– man muss es nur dazusagen. Es disqualifiziert aber das hysterisch-verkürzte Geschrei jener, die die Statistik zum verkürzten Unterfüttern ihrer Meinung missbrauchen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2013)