Der Markt mit Vitaminen und Spurenelementen blüht, obwohl Supplemente keinen Nutzen bringen, manche schaden gar. Deshalb fordern US-Ärzte: „Stop wasting money!“
Das erste Symptom ist Schmerz am ganzen Körper, er wird von roten Flecken bedeckt; der Gaumen schwillt so an, dass die Zähne nicht mehr zusammengebracht werden können, die Menschen können nur noch trinken, und am Ende sterben sie alle einen plötzlichen Tod, mitten im Reden.“ So beschrieb der Priester Antonio de la Ascensión, was er 1602 an Bord einer spanischen Flotte vor Mexiko erlebt hatte, den großen Schrecken, der die Seefahrt seit ihren Anfängen begleitete. Schon die Ägypter litten darunter, aber richtig los ging es erst mit den endlosen Fahrten, Vasco da Gama kamen auf einer Reise von 160 Seeleuten 100 abhanden, durch Skorbut.
Dass das Leiden mit Mangelernährung zusammenhängt und durch Ergänzungsstoffe kuriert werden kann, erlebte auch schon Ascensión: Als die Schiffsbesatzungen an Land gingen, um Tote zu bestatten, aß ein kranker Seemann eine Kakteenfrucht, er fühlte sich besser, die anderen taten es ihm gleich, nach zwei Wochen waren sie geheilt. Wodurch? Das erkundete der britische Schiffsarzt James Lind 1747 in einem der ersten systematischen Experimente der Medizin: Er teilte eine Gruppe von Seeleuten, die unter Skorbut litten, in Untergruppen und gab jeder eine Zusatznahrung, manchen Essig, anderen Obstwein, wieder anderen Zitrusfrüchte. Letzteres half, der Skorbut war besiegt. Aber es brauchte noch lange, bis identifiziert wurde, was Zitrusfrüchte so wirksam macht. Der ungarische Arzt Albert von Szent-Györgi fand es in den 1920er-Jahren, er nannte es erst Hexuronsäure und später Ascorbin, die antiskorbutische Säure.
Paulings fixe Idee: Vitamin C heilt alles
Karriere machte sie als Vitamin C und durch eine fixe Idee, die Linus Pauling, einer der größten Chemiker des 20.Jahrhunderts ab den 1960er-Jahren ausspann: Vitamin C in extrem hohen Dosen verlängere das Leben, besiege die Grippe und den Krebs auch, später erweiterte Pauling dies auf andere Vitamine/Spurenelemente und Krankheiten. Die Fachwelt schüttelte den Kopf, aber die Medien griffen zu – Pauling war nicht irgendjemand, er hatte zwei Nobelpreise: Chemie, Friede –, und die Pharmaindustrie warf die Retorten an. Der Absatz schnellte hoch, er stagnierte nur kurz, als eine Studie 2011 befand, dass zu viel Vitamin E bei Männern das Risiko von Prostatakrebs erhöht und zu viel Multivitamin bei Frauen die Lebenserwartung senkt.
Bald wurde wieder vermehrt geschluckt, um die 40 Prozent der US-Amerikaner nehmen heute irgend einen Zusatz, 28 Milliarden Dollar legen sie dafür im Jahr hin. Deshalb werfen nun die Herausgeber der Annals of Internal Medicine ein: „Enough is Enough: Stop Wasting Money on Vitamin And Mineral Supplements!“ So ist das Editorial überschrieben, und für Begriffsstutzige wiederholt der Text: „Die Botschaft ist einfach: Die meisten Supplemente verhindern keine chronischen Krankheiten, ihr Gebrauch ist nicht gerechtfertigt, sie sollten gemieden werden.“ Das Urteil stützt sich auf viele alte und zwei neue Studien in den Annals: In der einen wurde an fast 6000 älteren Ärzten zwölf Jahre lang getestet, ob tägliche Multivitamine das Schwinden der kognitiven Kräfte bremst; in der anderen ging es darum, ob Multivitamine Opfer von Herzattacken wieder rascher auf die Beine bringen.
In beiden Studien zeigte sich kein Effekt, und in einer dritten früheren wurden auch keine Herzattacken verhindert. „Deshalb glauben wir, dass der Fall nun geschlossen ist“, folgern die Herausgeber. „Die Ergänzung der Diät von wohlgenährten Erwachsenen mit (den meisten) Spurenelementen und Vitaminen hat keinen klaren Nutzen und mag sogar schaden“ (159, S.850).
Die Einschränkung auf die meisten bezieht sich auf Vitamin D, es ist das, was wir in unserer Haut erzeugen, wenn die Sonne darauf scheint, im Winter kann es knapp werden. Die meisten anderen Vitamine müssen wir ohnehin mit der Nahrung aufnehmen – und zwar genügend, Mangel bringt schwere Krankheiten, etwa Erblindung durch fehlendes Vitamin A, und das fehlt dort, wo die Menschheit sich von Reis ernährt. Die Fähigkeit, die Nahrung selbst herzustellen, ist uns in der langen Geschichte des Lebens abhandengekommen. Vor 60 Millionen Jahren etwa verzichteten die Primaten darauf, Vitamin C selbst zu synthetisieren, sie ernährten sich ohnehin von Pflanzen, diese sind Vitamin-C-Fabriken, sie schützten sich damit vor Stress, bei uns machen sie das auch. Unsere noch früheren Ahnen, Nagetiere etwa, erzeugten und erzeugen sich ihr Vitamin C selbst, sie bekommen – mit einer Ausnahme: Meerschweinchen – keinen Skorbut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2013)