Die als Toleranz getarnte Gleichgültigkeit gegenüber dem Islamismus sollte nun endgültig ein Ende haben.
E
s war nur eine Frage der Zeit. Die bri tischen Behörden wussten, dass Lon don im Fadenkreuz islamistischer Terroristen war. Seit Jahren. Seit dem 11. September 2001, seit den verheerenden Anschlägen der al-Qaida in den USA, war abzusehen: Irgendwann, irgendwo werden auch bei den treuesten Verbündeten der Amerikaner Bomben hochgehen. Die Sicherheitskräfte des Vereinigten Königreichs rechneten täglich damit. Mehrere Attentatspläne konnten sie durchkreuzen. Die Attacken am 7. Juli nicht.
All die umsichtigen Sicherheitsvorkehrungen, all die rigorosen Sicherheitsgesetze hatten nichts genützt. Denn es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Europa, das ist die bittere Lehre aus Madrid 3/11 und London 7/7, muss lernen, mit dem Terror zu leben. Es muss geduldig sein, ausdauernd. Der viel zitierte Krieg gegen den Terror ist noch lange nicht gewonnen. Weitere Anschläge werden folgen. Vielleicht auch dort, wo man es so gar nicht erwartet. Vielleicht auch in Österreich.
Hysterie und panische Scharfmacherei wären jedoch die falschen Reaktionen. Europa muss seine Werte schützen, es darf im Kampf gegen den Terrorismus seine Grundrechte nicht aushöhlen. Denn genau das wäre ganz im Sinne der fanatischen Dschihadisten, weil sich der Westen damit schwächen würde. Andererseits muss spätestens seit den Madrider Anschlägen am 11. März 2004 jedem Europäer klar sein, dass die als Toleranz getarnte Gleichgültigkeit gegenüber radikalen Islamisten zwischen Stockholm und Rom nun endgültig der Vergangenheit angehören muss. Zu lange konnten Islamisten, die von undemokratischen Gottesstaaten träumen, auf dem Alten Kontinent völlig ungehindert ihr Unwesen treiben. Gerade auch in London.
Es ist kein menschenrechtlich bedenklicher Akt, Menschen des Landes zu verweisen, die offen Sympathien für Selbstmordattentate in Israel äußern und Hass predigen. Zu einer Hatz gegen Moslems, die zu einem überwältigenden Anteil terroristische Akte ablehnen, darf die gestiegene Wachsamkeit nie und nimmer führen. Zu erwarten allerdings ist von den islamischen Bürgern Europas und auch des Nahen Ostens, dass sie endlich laut und entschieden ihre Stimme gegen den Terrorismus erheben müssen, und zwar in einer weithin sichtbaren Massenbewegung. Der Diskurs gegen den Dschihadismus muss in der islamischen Gemeinschaft selbst geführt werden. Die samtpfötigen Betroffenheitsrituale und Appelle wohlmeinender westlicher Politiker werden an radikalen Einstellungen, die in den Cafés der arabischen Welt zirkulieren, nur wenig ändern.
Es mag sein, dass einem hageren Mann irgendwo im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein besonders zufriedenes Lächeln übers Gesicht huschte, als in London blutüberströmte Menschen aus U-Bahn-Stationen wankten. Doch Osama bin Laden ist mit aller höchster Wahrscheinlichkeit nicht direkt in die Attacken verwickelt. Er und seine Getreuen sind zu sehr damit beschäftigt, ihre Flucht zu organisieren, als Anschläge planen oder gar ausführen zu können. Bin Ladens Job ist es von Anfang an gewesen, zu Terroraktionen anzustiften. Er ist zum Symbol des Dschihad geworden, zum großen Inspirator.
Die al-Qaida war nie die hierarchische Organisation, als die man sie der Einfachheit halber dargestellt hat. Die al-Qaida ist vor allem eine Art Franchise-Idee, die von "privaten Aktivisten" rund um den Globus individuell aufgenommen und weitergesponnen wird. Und genau das macht die al-Qaida so gefährlich: Ihre Zersplitterung. V
öllig falsch wäre es auch, den Dschi hadismus als Sonderform des Wahn sinns abzuqualifizieren. Die al-Qaida hat ihre eigene Rationalität. Sie verfolgt konkrete Ziele, aus denen sie in ihren Publikationen auch kein Geheimnis macht: die Vernichtungs Israels, den Sturz korrupter arabischer Regime und den Abzug westlicher Truppen aus dem Nahen Osten.
Um dies zu erreichen, will die al-Qaida den einst von Samuel Huntington beschworenen "Zusammenprall der Zivilisationen", die ultimative Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Islam. Jede Form der Radikalisierung kommt der al-Qaida deshalb gerade Recht, auch jeder Krieg, den der Westen führt, sei es in Afghanistan oder im Irak.
Die Antwort auf die dschihadistische Herausforderung muss deshalb eine mehrschichtige und langfristige sein. Der Westen muss erst die richtige Balance aus polizeilichen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen finden. Und bei der unerlässlichen Zerstörung terroristischer Strukturen darf nie die Wurzel der Probleme unbehandelt bleiben: die desolaten Verhältnisse im Nahen Osten.