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Konzerthaus: Diese Pianistin wird noch ganz groß

(c) EPA (JOERG CARSTENSEN)
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Khatia Buniatishvili zeigte sich in manueller Höchstform – und mit jugendlichem Überschwang, der aber nicht zu allen Stücken passte.

Erst 26 Jahre alt zählt die aus dem georgischen Tbilisi stammende Khatia Buniatishvili zu den größten pianistischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Allein technisch nimmt sie es mit jedem und jeder auf, wie sie im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses bei einem auch musikalisch höchst anspruchsvollen Programm wieder bewiesen hat. Der Elan, mit der sie Liszts ersten Mephisto-Walzer aus dem Steinway meißelte, als wäre es das Einfachste auf dieser Welt, ließ kaum jemanden ruhig sitzen.

Vollends das Schlussstück, Strawinskys „Drei Sätze aus Petruschka“, eines der schwierigsten Werke der Klavierliteratur. Wenn hier immer wieder von Grenzen der Spieltechnik die Rede ist, diesmal schienen sie wie weggewischt. Und nachdem sie es in höchst virtuoser Manier zu Ende gebracht hatte, beschlich einen das Gefühl, die junge Pianistin könnte dieses kräfteraubende Stück gleich nochmals mit derselben Bravour absolvieren . . .

Trotzdem war es vor allem eine manuell überzeugende Interpretation. Noch stellt sie zu sehr die Leichtigkeit, mit der sie diese komplexe Klavierpartitur meistert, in den Vordergrund, zeigt sich weniger interessiert an den melodischen Entwicklungen und nimmt in der Dynamik zu wenig Rücksicht auf die Größe des Saals. Ihre Fortissimi hätten ungleich besser in den großen Konzerthaussaal gepasst.

Zu viel Unruhe bei Chopin

Wie der sich im Lauf der Abends steigernde Applaus zeigte: Kalt hat dieser jugendliche Überschwang wohl niemanden gelassen. Allerdings passte er nicht zu allen Stücken gleichermaßen. Ravels „La Valse“ hält ungleich mehr Farbschattierungen bereit, als es Buniatishvili mit ihrer vor allem auf zwingende Brillanz angelegten Darstellung vorgezeigt hat.

Das gilt erst recht für die beiden Chopin-Stücke, mit denen sie ihren Abend eröffnet hat. Gewiss wäre es unfair, ihre Lesart der populären b-Moll-Sonate mit den Modelldeutungen etwa eines Rubinstein, Michelangeli, Pollini oder Zimerman zu vergleichen. Doch was vorweg auffiel, war eine Mischung aus Unruhe und Rasanz, mit der sie den Stirnsatz, der damit zu sehr in seine Partikel zerrissen wurde, präsentierte, aber auch das mit betont harten Akzenten angegangene Scherzo. Noch wenig kann sie mit dem „Marche funèbre“ anfangen. Mehr traumverhangen als sphinxhaft (wie dieses Stück in der Literatur immer wieder beschrieben wird) eilte das Finale vorüber.

Sowohl in den lyrischen Passagen des Scherzos dieser Sonate als auch in der folgenden vierten Ballade wartete sie mit etwas auf, was längst verloren schien: mit einem vollen, runden, geradezu einschmeichelnden Klavierton, wie man ihn von den Großen der Vergangenheit kennt. Das war das eigentliche Ereignis dieses Recitals, das, trotz aller Einschränkungen, größte Erwartungen in die Entwicklung dieser Ausnahmebegabung zulässt. Ein Wort, das oft fahrlässig verwendet wird. Hier ist es berechtigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2013)