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Italien: Flüchtlinge „wie im KZ“ behandelt

(c) EPA (RAI2 TV)
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Ein Video zeigt, wie sich Migranten in einem Aufnahmezentrum auf Lampedusa mitten im Winter nackt „desinfizieren“ lassen müssen. Rom ist schockiert, Brüssel droht mit Sanktionen.

Rom. Die Bilder sind erschreckend: Die Männer stehen in einer Reihe, sie sind sichtlich eingeschüchtert. Im Hintergrund hört man eine Stimme, die ihnen in harschem Ton Anweisungen erteilt: Die Flüchtlinge müssen sich nackt ausziehen, trotz Dezemberkälte. Dann muss einer nach dem anderen nach vorn treten. Man sieht, wie die Männer mit einer Flüssigkeit besprüht werden – einem Desinfektionsmittel gegen Krätze.

„Werden wie Tiere behandelt“

Das vom italienischen Staatsfernsehen in den Abendnachrichten ausgestrahlte Video wurde in einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge auf der sizilianischen Insel Lampedusa aufgenommen. „Das geschieht nicht nur mit Männern. Auch Frauen müssen das durchmachen. Wir werden hier wie Tiere behandelt“, sagt darin ein Flüchtling. Später erzählte ein anderer einer Zeitung: „Die Mitarbeiter des Aufnahmezentrums brüllten uns an. Sie hatten Angst, sich bei uns anzustecken. Dann lachten sie uns aus, als wir nackt waren. Die Wucht des Wasserstrahls war sehr heftig, es tat weh.“

Zwei Monate nach der verheerenden Schiffbruchkatastrophe im Mittelmeer, bei der vor Lampedusa nahezu 600 Flüchtlinge aus Afrika ertrunken ist, ist die kleine Insel nahe der nordafrikanischen Küste erneut in den Schlagzeilen. Im ganzen Land lösten die Aufnahmen  Entsetzen aus: Medien sprachen von  Szenen, „die an NS-Konzentrationslager erinnern“.

Das Video ist von einem syrischen Flüchtling heimlich aufgenommen worden. Der Mann hat im Oktober den Schiffbruch überlebt und sitzt nun mit hunderten seiner Landsleute sowie Menschen aus Eritrea auf der Insel fest. Viele dieser Menschen, die vor Krieg und Verwüstung geflohen sind, sind schwer traumatisiert. Etwa ein Viertel der Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten auf der kleinen Insel gestrandet sind, kommt aus Syrien, so ein Anfang der Woche veröffentlichter Bericht.

Offenbar findet im Aufnahmezentrum das entwürdigende Ritual zur „Desinfizierung“ wöchentlich statt. „Das ist kein Nazi-Lager, wir halten uns an Gesundheitsvorschriften“, wehrt sich der Verantwortliche des Aufnahmezentrums, Cono Galipo, in der Tageszeitung „Corriere della Sera“. Die „Prozedur“ finde im Freien statt, da die Desinfizierung Risken für alle berge. Das Personal arbeite Tag und Nacht, und man werde ihm nicht gerecht, wenn man es wegen der Videobilder an den Pranger stelle.

Dafür scheint es derzeit aber wenig Verständnis zu geben: Italiens Premier, Enrico Letta, kündigte eine sofortige Untersuchung an, Innenminister Angelino Alfano drohte mit harschen Strafen für die Betroffenen. Die Behandlung der Flüchtlinge sei eines „zivilisierten Landes“ unwürdig, sagte die Präsidentin der Abgeordnetenkammer, Laura Boldrini.

Schockiert reagierte aber vor allem Brüssel: EU-Flüchtlingskommissarin Cecilia Malmström sagte, sie sei „entsetzt“ über die Bilder. Sie drohte umgehend, Italien EU-Hilfen für illegale Flüchtlinge zu streichen.  „Wir haben bereits eine Untersuchung in die Wege geleitet. Sollten die Standards im Aufnahmezentrum nicht EU-Normen entsprechen, werden wir ein Verfahren gegen Italien einleiten.“

Übernachten im Freien

Die kleine Insel Lampedusa ist mit dem anhaltenden Strom von Migranten völlig überfordert. Gestern erreichte erneut ein Boot mit 110 Menschen die Insel. Die Flüchtlingslager sind überfüllt, die hygienischen Bedingungen katastrophal. Das in Kritik geratene Aufnahmezentrum beherberge derzeit 391 Migranten, geplant sei es für 250 Menschen, kritisiert die NGO „Save the Children“. Auch 36 Kinder leben dort. Viele der Flüchtlinge müssten trotz Kälte im Freien übernachten. „Da ist es nicht mehr möglich, grundlegende Menschenrechte zu achten.“

Die NGO fordert, dass die Flüchtlinge – vor allem  die Kinder – „den Schutz und den Beistand erhalten, der ihnen zusteht“. Dafür sei nicht nur Italien verantwortlich. Sondern ganz Europa.  (basta.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2013)