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Franziskus, der Zucht- und Exerzitienmeister seiner Kirche

Der Papst wird in Rom, und nicht nur dort, ungebrochen umjubelt. Dabei ist das, wofür er steht, nicht gerade bequem.

Marxist. Ausgerechnet Marxist muss sich Franziskus von manchen schimpfen lassen. Ein derartiger Vorwurf sitzt. Nur die Atheismuskeule wäre noch schlimmer. Selten ist ein Papst verdächtigt worden, sich in seinem politischen Credo insgeheim zu linken Utopien zu bekennen. Selbstverständlich gilt für Franziskus die Unschuldsvermutung.

Unter seinem Vorgänger, ja, unter Benedikt, da war alles noch ganz anders. Derartige Vorgänge wären undenkbar gewesen. Ihm, dem früheren Glaubenswächter und Kämpfer gegen die Befreiungstheologie, einen derartigen Vorwurf zu machen wäre mehr als lächerlich gewesen. Selbst Johannes Paul der Große mit seiner verdächtigen Nähe zur polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność und antikapitalistischen Einsprengseln in manchen seiner Texte musste sich – gottlob – nie unter Marxismus-Generalverdacht gestellt sehen. Und jetzt das!

Alles nur, weil Franziskus übertrieben hat. Mit seiner Kritik an der Wirtschaft. Mit dem verallgemeinernden Herbeischreiben eines absoluten Gegensatzes zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl. Da war die katholische Soziallehre, selbst alles andere als ein Hort des Neoliberalismus, schon differenzierter. Und eben schwächer?

Franziskus schöpft weniger aus dem Studium gelehrter Schriften, wie das sein Vorgänger getan hat. Das ist – präsumtiven Leserbriefstammschreibern oder Postern schon präventiv gesagt – keineswegs abwertend gemeint. Denn es bleibt unbestreitbar, dass Benedikt, egal, wie das Urteil über die Amtszeit selbst ausfällt, jedenfalls als einer der bedeutenden Theologen in die Kirchengeschichte eingehen wird. Zurück aber zu Franziskus: Dieser schöpft lieber aus Begegnungen, aus persönlichen Erfahrungen vom anderen Ende der Welt, wie es der Bischof von Rom unmittelbar nach seiner Wahl im Konklave formuliert hat. Und er bringt diese Erfahrungen von den Grenzen in das Zentrum, in die Mitte der katholischen Kirche.

Dennoch: Franziskus hat mit seiner Kritik an der Wirtschaft tatsächlich zu sehr zugespitzt, er hat übertrieben. Aber: Er steht damit innerhalb der katholischen Kirche in einer langen Reihe. Auch – um nur ein Beispiel zu nennen – die Bergpredigt eignet sich eher nicht eins zu eins zur Umsetzung als profanes Regierungsprogramm.

Der Wille, sich der Menschen anzunehmen, und da wieder gerade derer, die, bildlich gesprochen, im Schatten leben, kann Franziskus nicht abgesprochen werden. Genau das macht ihn so beliebt. Auch weil er als Draufgabe über das Charisma verfügt, das authentisch vermitteln zu können.

Natürlich kann man es nebensächlich finden, wenn „Tatort“-Kommissar Harald Krassnitzer gerade erst am Freitag angekündigt hat, nach 15 Jahren einen Wiedereintritt in die katholische Kirche zu überlegen. Weil ihn Franziskus beeindruckt, genau. Natürlich kann man es als oberflächlichen Starkult abtun, wenn sich heuer die Zahl der Besucher von Generalaudienzen gegenüber dem Vorjahr verfünffacht hat. Selbst unter Johannes Paul II. sind nicht so viele Menschen regelmäßig auf den Petersplatz oder in die Audienzhalle gepilgert.

Kern aber bleibt: Franziskus zeigt, für manche schwer zu ertragend kantig, was genau Christentum eigentlich bedeutet. Das Christentum will, was gerade in Europa in Vergessenheit zu geraten droht, nicht als eine Form bürgerlicher Wohlfühlreligion verniedlicht werden. Das Christentum war und ist radikal. Radikal im Sinne bedingungsloser Anwaltschaft für Schwache – physisch, materiell, sozial, psychisch. Diese Botschaft ist nach neun Monaten angekommen.

Wahrscheinlich ist es auch zumindest die Ahnung davon, die so viele von Franziskus eingenommen sein lässt. Der Papst sieht sich als großer Exerzitienmeister im Wiederentdecken christlicher Grundtugenden. Und gleichzeitig als Zuchtmeister für jene, die sich nach seinem Dafürhalten zu weit vom Grundauftrag des Evangeliums entfernt haben, ob als „Staatskleriker“ oder als „Funktionäre“, um es mit seinen Worten auszudrücken. Das Antlitz der katholischen Kirche hat sich schlagartig gewandelt. Unsympathischer wurde es nicht.

E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2013)

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