Eine vor über 120 Jahren entwickelte und später vergessene Immuntherapie wird wiederentdeckt.
Als dem jungen kanadischen Arzt William Coley 1890 sein erster Patient wegstarb – an einem Sarkom, einem Krebs des Stützgewebes –, durchforstete er die Fachliteratur. Er fand einen Fall, bei dem bei einem Patienten ein Sarkom verschwunden war, nachdem er sich eine bakterielle Hautinfektion zugezogen hatte. Er spürte den Mann auf, sieben Jahre nach der spontanen Heilung war er noch gesund. Coley vertiefte sich weiter in die Literatur und fand viele Beschreibungen von Tumoren, die verschwanden, nachdem sich die Betroffenen mit irgendetwas infiziert hatten.
Also ging er in den Menschenversuch und verabreichte einem Sarkompatienten Bakterien, Streptococcus pyogenes, sie können Scharlach auslösen. Sie taten es nicht, nach sechs Wochen war der Patient den Tumor los. So therapierte Coley vier Jahrzehnte lang, er experimentierte auch mit Bakterienmischungen. Und er hatte Erfolg: 1999 verglichen Forscher seine Heilungsraten mit denen der modernen Strahlen- bzw. Chemotherapie: Coleys Patienten überlebten im Durchschnitt 8,9 Jahre, heute sind es sieben. Allerdings starben ihm auch Patienten, und zwar an der Kur, sie bekamen zu hohes Fieber. Das kommt (oft), wenn die Bakterien die Abwehrkräfte wecken, auf dass sie sich gegen Tumore wenden (Nature, 504, S.84).
Die Wächterzellen wecken!
Denn die entgehen ihnen: Die Wächter des Immunsystems – die dendritischen Zellen – bemerken sie nicht bzw. zu wenig. Bei Bakterien ist das anders, allerdings gibt es über den exakten Mechanismus dieser Immuntherapie – etwa über die Rolle des Fiebers – nur Hypothesen. Daran mag es liegen, dass sich nur wenige Pharmafirmen auf das neue alte Terrain vortasten. Und daran: „In der Medikamententwicklung ist es sehr schwierig, eine Zulassung für ein Bakterienextrakt zu erhalten“, berichtet Uwe Hohbom, der an der Uni Gießen auf Coleys Spuren wandelt. (jl)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2013)