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Doris Tropper: "Sterbende freuen sich über jeden Tag"

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Hatte ich ein gutes Leben? Oder hätte ich besser etwas anders gemacht? Sterbebegleiterin Doris Tropper hat ein Buch darüber geschrieben, was Sterbende über ihr Leben denken.

Woher kommt plötzlich das große Verlangen, von den Sterbenden Tipps für das Leben zu bekommen?

Doris Tropper: Mir ist in Begleitsituationen aufgefallen, dass unendlich viele Vorwürfe da waren: Hätte ich dieses und jenes gewusst, hätte ich das anders gestaltet. Ich hatte das Bedürfnis, den Leuten zu zeigen, dass das jeden betrifft und den Sterbenden eine Sprache zu geben – aber keine, die mit esoterischen Nahtoderfahrungen zu tun hat, sondern damit, was sie erlebt haben.

Und Sie haben in Ihrem Buch diesen Erfahrungen quasi ein Gesicht gegeben.

Als ich geschrieben habe, hatte ich eine konkrete Person vor Augen, aber einige Fälle liegen ja 25 Jahre und länger zurück. Da sind viele Erfahrungen miteingeflossen. Unlängst hat mich ein Mann gefragt, ob ich da über seine Frau geschrieben habe – aber ich kannte diese Frau gar nicht. Es sind sieben Menschen, repräsentativ für sieben verschiedene Lebensalter.

Bei der Geschichte des Unternehmers Herrn Friedrich scheint es, als wäre er nicht zufrieden gewesen mit seinem Leben. Geht es den meisten Menschen am Ende so?

Er repräsentiert eine Gruppe von Menschen, die extrem arbeitsorientiert sind, die Werte materieller Natur haben. Solche Menschen tun sich manchmal wirklich schwer loszulassen, weil sie merken, dass dieses materielle Gebäude einstürzt. Diese Werte tragen nicht. In dieser letzten Lebensphase ist es völlig egal, ob man viel oder wenig Geld hat. Wenn man viel Geld hat, ist es offenbar sogar schwieriger, es zurückzulassen.

Was muss man getan haben, um letztlich auf dem Sterbebett sagen zu können, dass das Leben schön war?

Ich kann nichts damit anfangen, dass man das auf fünf oder sechs Punkte runterbricht. Aber ich bemerke mit Sorge, dass die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer total verdrängt wird. Erst, wenn das berühmte Unglück geschieht, bricht Panik aus.

Menschen können heute viel länger künstlich am Leben erhalten werden. Damit dauert das Sterben auch länger.

Ja, die Lebenserwartung steigt, aber die körperlichen und geistigen Einbußen nehmen zu. Demenz ist ja auch so etwas wie ein langsames Sterben. Aber das betrifft nicht nur Hochbetagte. Verluste entstehen schon, wenn ich etwas nicht mehr tun kann, etwa Auto fahren, wenn wir Zähne verlieren und eine Prothese bekommen, schlecht sehen oder nicht mehr gut gehen können. All das sind Abschiede. Aber die kommen langsam. Nur wenn etwa die Diagnose Krebs da ist, ist das schon wie ein Hammer. Dann muss man schnell eine Form finden, wie man damit umgeht – auch wenn es sich manchmal über Jahre zieht.

Wovor haben Menschen im Angesicht des Todes dann die meiste Angst?

Ängste vor Schmerzen sind nach wie vor die am meisten geäußerten. Weniger, dass man einsam ist, sondern die Angst vor dem Schmerz.

Hat man tatsächlich mehr Probleme mit Schmerz als mit der Einsamkeit?

Das hängt davon ab, wie ich gelebt habe. Manche brauchen eine große Umgebung um sich, manche sind Individualisten und Einzelgänger. Man kann nicht sagen, alle wollen begleitet werden am Lebensende. Manche sterben in der Nacht ganz einsam, andere wiederum in den Armen der Lieblingskrankenschwester.

Das kann man sich ja nicht vorher aussuchen. Also muss man schon im Vorhinein klären, wie man sterben und was man davor noch erledigen will.

Als Sterbebegleiter muss man spüren, was dieser Mensch braucht. Etwa ein junger Mann, der im Sterben liegt und eine Frau und zwei unversorgte Kinder mit einem Rohbau hinterlässt. Da muss man andere Dinge organisieren, das ist fast sozialarbeiterische Arbeit. Eine Situation schaffen, in der er sagen kann, ich kann loslassen.

Beim Fall von Herrn Friedrich haben Sie geschrieben, dass die Zeit, die er zum Aufarbeiten hatte, zu kurz war. Wie viel Zeit braucht man?

Da gibt es kein Zeitmaß. Weil Zeit im Sterbeprozess auch unterschiedlich erlebt wird. Aus meiner persönlichen Erfahrung wage ich eine Annahme: Bei Krebspatienten ist ein halbes Jahr eine gute Zeitspanne. Da kann man noch einiges in die Wege leiten oder in Ordnung bringen. Wenn es nur wenige Wochen sind, in denen man bei psychischer und physischer Klarheit und Schmerzfreiheit ist, ist es wohl zu kurz. Aber das hängt auch davon ab, wie viele ungelöste Probleme auf den Schultern lassen und wie viele unbewältigte Lebensereignisse belastend waren.

Und was kann man schon im Vorhinein tun, damit die Zeit dann nicht zu kurz wird?

Das einfachste und schönste Ritual ist, wenn man in der Früh von zu Hause weggeht, sich so zu verabschieden, als ob man nicht mehr käme. Das bedingt auch, dass ich keinen Streit und Groll unausgesprochen mit mir herumtrage. Dass jeder Tag so gelebt wird, dass man sterben könnte, ohne allzu viele Schwierigkeiten zu hinterlassen.

 

Manche Dinge lassen sich aber nicht so einfach jeden Tag lösen.

Jeder schleppt Dinge mit sich herum, die sich in einem frühen Lebensalter ereignet haben und sich nicht mehr verändern lassen. Aber es hat keinen Sinn, im fortgeschrittenen Alter zu beklagen, was man in der Jugend alles nicht erlebt hat. Man muss es in sein Leben integrieren und sagen: So wie ich damals gehandelt habe, war es in Ordnung. In Österreich neigen wir zum Nörgeln und Jammern, was alles nicht war. Gleichzeitig vergessen wir hinzuschauen, was noch alles möglich ist.

 

Ist Sterbebegleitung dann so etwas wie Psychotherapie unter Zeitdruck?

Bei einer solchen Formulierung würden die Hospizmitarbeiter aufschreien. Wenn ein Mensch nicht mit sich im Reinen ist, kann es sein, dass er es wird, wenn er mit einem Todesfall oder dem Sterben konfrontiert ist. Es kann aber auch sein, dass er eine Hand braucht. Nur begleiten heißt für mich nicht, jemandem etwas abzunehmen oder auszureden, oder gar ihm zu helfen, das Problem zu lösen. Die Lösung muss schon von ihm selbst kommen.

 

Wie oft kommt es vor, dass sich Menschen aktiv den Tod wünschen?

Ich habe bisher nie jemandem gehört, der nach aktiver Sterbehilfe verlangt hat. Aber ich habe gehört, dass junge Leute in der Auseinandersetzung mit dem Thema sagen: Wenn ich einmal eine schwere Erkrankung habe, möchte ich, dass sofort alles aus ist. Vorher hört man das sehr oft. Aber ich habe erlebt, dass sich Menschen, die sehr radikal in ihrem Leben und ihren Meinungen waren, im Sterbeprozess doch sehr stark verändert haben und sich über jeden Tag gefreut haben.

 

Aber es gibt doch immer wieder Leute, die aktiv den Tod suchen.

Die Palliativmedizin bringt auch mit sich, dass das Leben nicht unnötig verlängert wird. Aber Töten auf Verlangen habe zumindest ich nie erlebt. Nur in Diskussionen, dass jemand gesagt hat, er will ganz schnell sterben.

Sie schreiben, dass Kinder sich mit dem Sterben nicht so schwer tun und weniger am Leben hängen?

Ich habe das so erlebt. Diese Diskussionen, die Erwachsene und Alte haben, dass ihr Leben zu kurz war oder sie zu wenig erlebt haben, die gibt es bei Kindern nicht. Kinder reagieren sensibel auf ihre Umgebung. Und sie nehmen wahr, dass ihre Angehörigen traurig sind und weinen. Das ist oft ein Thema, das sie belastet, und nicht das eigene Sterben. Kinder gehen aus dem Leben in den Tod, da ist viel weniger Verspannung und Schmerz als bei Erwachsenen. Bei Alten spielt viel mehr eine Rolle: Wer bin ich? Was mache ich? Was ist noch zu tun?

Steckbrief

Doris Tropper
wurde 1958 in Graz geboren, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Sie arbeitet unter anderem als Sachbuchautorin („In Würde altern“) und als Erwachsenenbildnerin zu den Themen Trauer, Sterbebegleitung, Alzheimer, Demenz und Angehörigenarbeit.

Website:
www.in-wuerde-altern.at

Buchtipp

Doris Tropper:„Hätte ich doch . . .“ Von den Sterbenden lernen, was im Leben wirklich zählt. MGV Verlag; 15,50 Euro

Inhalt: Die Grazer Sterbebegleiterin und Mitgründerin der steirischen Hospizbewegung erzählt anhand von sieben Fällen, was sterbende Menschen rückblickend über ihr Leben denken – und wie schwer oder leicht es ihnen fällt, Abschied zu nehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2013)