Glosse: Unübersichtlichkeit des Schreckens

E
s ist so, als hätte sich die Welt schon gewöhnt an das Leben im Schatten der Bombe. "Der Tag danach" - das war der Stoff, mit dem man bestenfalls noch in den 80er Jahren ein paar Kinobesucher schocken konnte. Heute scheint die Aussicht auf den nuklearen Massentod keinen mehr in Aufregung zu versetzen. Einfach verdrängt aus dem öffentlichen Bewusstsein, als hätten sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs alle Atombomben dieser Welt in Luft aufgelöst.

Warum sich unnötig Sorgen machen? Ist ja auch während des Kalten Krieges nichts passiert. Berlin-Krise hin, Kuba-Krise her: Hat damals nicht das "Gleichgewicht des Schreckens" dafür gesorgt, dass keiner der sowjetischen und amerikanischen Generäle den Knopf drückte?

Mittlerweile gibt es kein Gleichgewicht mehr, sondern nur noch die Unübersichtlichkeit des Schreckens. Die Zahl der Atommächte hat zugenommen und mit ihr auch die Möglichkeiten zur Weiterverbreitung nuklearen Materials. 1998 sind Indien und Pakistan dazugekommen, und jetzt auch Nordkorea, bald womöglich der Iran. Je mehr Akteure, desto mehr Anbieter und desto größer das Risiko, dass die radioaktive Ware in den Händen terroristischer Privatiers landet.

Auch wenn es keiner wahrhaben will: Die Gefahr eines Atomkriegs ist heute größer denn je.

christian.ultsch@diepresse.com

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