Vöslauer-Chef Alfred Hudler erklärt, warum Österreicher so viel stilles Mineralwasser trinken, obwohl das Leitungswasser Topqualität hat, und wie man Mineralwasser blindverkostet.
Die Presse: Jedes Flugblatt im Lebensmittelhandel hat zumindest ein Mineralwasser im Angebot. Kauft heute noch jemand zum regulären Preis?
Alfred Hudler: Der Eindruck kann beim Kunden natürlich entstehen. Insgesamt werden 40 Prozent des Mineralwassers über Aktionen verkauft.
Gut für die Konsumenten, schlecht für die Hersteller?
Mineralwasser ist in Österreich nach Fleisch, Obst und Gemüse der drittstärkste Frequenzbringer im Lebensmittelhandel, obwohl es um einen relativ geringen Warenwert geht. Wenn man eine Sechserpackung Mineralwasser in Aktion kauft, spart man gerade einmal 1,44 Euro.
Solche Aktionen bedingen hohe Lagerkapazitäten. Wie lange könnte Vöslauer vom Lager ohne zusätzliche Produktion weiterliefern?
Wir haben mit Vöslauer, Balance, Bio, Pepsi, Almdudler verschiedene Artikel, und das in vielen unterschiedlichen Größen. Vöslauer gibt es von der 0,2-Liter-Flasche bis zur Zwei-Liter-Flasche, und dann gibt es für die Gastronomie noch einige Varianten. Bei der gesamten Produktvielfalt würde es schon bis zu eineinhalb Monate dauern, bis alles ausverkauft ist. Beim Hauptartikel Mineralwasser sind wir im Sommer in zwei Tagen leer, im Winter nach zwei Wochen.
Warum wird in einem Land wie Österreich mit einem qualitativ hochwertigen Leitungswasser überhaupt stilles Mineralwasser angeboten?
Ganz banal gesagt, weil sie die Wasserleitung nicht immer dabei haben. Die Menschen werden immer mobiler, nicht nur beim Sport, sondern auch im Alltag. Das gesamte „To go“-Thema wird immer stärker. Die Menschen werden unterwegs immer mehr essen und trinken. Mineralwasser ist dabei über die Jahre zu einem Accessoire geworden. Viele Frauen haben mittlerweile ständig eine Mineralwasserflasche in der Handtasche. Sie trinken auch mehr stilles Mineralwasser.
Nearwater-Getränke wie Balance stagnieren. Was ist da passiert, nachdem man noch vor einem Jahr von einem weiteren Wachstum ausgegangen ist?
Die Kategorie wurde vor 13 Jahren eingeführt, und seither wurde fast jedes Jahr ein zweistelliges Wachstum eingefahren. Die Stagnation betrifft den gesamten Markt, nicht nur Vöslauer. Es wäre zu voreilig zu sagen, der Markt wächst nicht mehr.
Österreich hat einen Pro-Kopf-Verbrauch von 91 Litern im Jahr, liegt aber dennoch abgeschlagen hinter Italien und Deutschland. Was sind die Gründe dafür?
Italien hat klimatische Gründe, und zudem wird in der Südhälfte des Landes meistens mit Mineralwasser gekocht. Die Leitungswasserqualität ist oftmals nicht ausreichend. Der Unterschied zu Deutschland ist schwer zu erklären. Dort wird mittlerweile sogar mehr Mineralwasser als Bier getrunken.
Sie haben eine Exportquote von sieben Prozent, der Großteil geht nach Deutschland. Warum gelingt dort der Durchbruch nicht?
Deutschland bietet mit 80 Millionen Menschen ein sehr hohes Potenzial. Zudem wird um 50 Prozent mehr Mineralwasser als in Österreich getrunken. In Österreich gibt es im Vergleich wenige Lebensmittelhändler und auch relativ wenige Hersteller. Die großen drei mit Vöslauer, Waldquelle und Römerquelle teilen sich hierzulande zwei Drittel des Marktes. In Deutschland gibt es 300 Mineralwasserbrunnen und mit Gerolsteiner und Apollinaris nur zwei Anbieter, die im ganzen Land anbieten. Gerolsteiner als Marktführer hat einen Anteil von zehn Prozent, Vöslauer als Nummer eins in Österreich 41Prozent.
Vöslauer erzielte 530.000 Euro Umsatz pro Mitarbeiter. Was ist der Grund für diesen hohen Wert?
Vöslauer ist sehr schlank aufgestellt. Im Vergleich dazu beschäftigt Gerolsteiner 700Mitarbeiter und macht in etwa den doppelten Umsatz von Vöslauer. Wir haben ständig in neue Maschinen investiert und können mit unseren Anlagen bis zu 130.000 Flaschen pro Stunde produzieren.
Wie balancieren Sie die großen Unterschiede beim Personalbedarf zwischen Sommer und Winter?
Es gibt für die Branche ein Jahresarbeitszeitmodell, weil im Sommer bei Spitzen die Produktion rund um die Uhr gefahren werden muss. Grundsätzlich gibt es während des Jahres ein Dreischichtmodell und im Sommer eine vierte Schicht, die Wochenendschicht. Vor der Saison versuchen wir, die Lager aufzufüllen, aber auch diese sind begrenzt. 2013 war vom Wetter her für uns nicht optimal. Während es im Mai und Juni total schlechtes Wetter gab, gab es im Juli und August einige Wochen mit sehr extremer Hitze. Im Mai und Juni waren die Mitarbeiter genau so da wie im Juli, als die Produktion kaum noch nachkam.
Wenn Sie jetzt in ein Lokal gehen und dort kein Vöslauer erhalten, greifen Sie dann auch zu einem anderen Mineralwasser?
Ich sage immer, wo ich kein Vöslauer bekomme, dort haben wir noch Potenzial. Ich nutze solche Gelegenheiten und frage, ob wir anbieten dürfen. Ich trinke auch andere Mineralwasser. Es ist auch wichtig zu wissen, wie die Konkurrenz schmeckt.
Wenn Sie jetzt zehn Wasser kosten, würden Sie das Vöslauer erkennen?
Vor Jahren musste ich mich bei einem Geburtstagsfest einer Blindverkostung mit zehn Gläsern Mineralwasser stellen. Da bin ich nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen. Man kann Wasser nach Mineralisierung am Geschmack erkennen. Vöslauer ist ziemlich neutral. Als weiteres Unterscheidungsmerkmal gibt es die Kohlensäure. Da gibt es gröbere, feinperligere, schärfere und weniger scharfe Mineralwasser. Bis unter die letzten drei Wasser habe ich es jedenfalls geschafft.
ZUR PERSON
Alfred Hudler ist 54 Jahre alt und seit 1995 Vorstand für Marketing, Verkauf und Finanzen bei der Vöslauer Mineralwasser AG. Zuvor war der studierte Betriebswirt bei der Austria Tabak tätig. Der Marktführer bei Mineralwasser ist eine 100-Prozent-Tochter der Ottakringer AG und beschäftigt 180 Mitarbeiter. Der Umsatz des Unternehmens betrug im Vorjahr 94,6 Mio. Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2014)