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Wiener Symphoniker: Beethovens Neunte als Küsschen für alle

Streichorchester
Streichorchester(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Louis Langrée sollte diesmal die „Ode an die Freude“ zum Prosit 2014 machen und erwies sich als guter Pfadfinder im Dickicht einer unwegsamen Partitur.

Die Neunte ist und bleibt etwas Besonderes. Die Fachleute können sich nicht einigen, ob es ein wirklich gelungenes Meisterwerk oder doch eher das Machwerk eines Meisters ist – passt das gigantische Chorfinale nun zu den ersten drei Sätzen, oder überschreitet es die ästhetischen Grenzen?

Diese Frage wird diskutiert, seit Beethovens Letzte 1824 in Wien uraufgeführt wurde. Dem Publikum sind dergleichen wissenschaftliche Haarspaltereien natürlich egal. Es stellt einen Beethoven nicht infrage. Es nimmt die Schroffheiten der ersten beiden Sätze als des Komponisten letzten symphonischen Willen zur Kenntnis, freut sich über die Melodien des langsamen Satzes und erst recht über die sogleich populär gewordene nachmalige Europa-Hymne.

Die Aufführungsgeschichte der Symphonie, soweit sie zurückzuverfolgen ist, nimmt sich allerdings folgerichtig aus wie ein tönendes Gegenstück zu den verkrampften wissenschaftlichen Theoremen – irgendwie wird man mit dem Werk nie fertig.

Mehr noch, man steht – vielleicht weniger als Hörer denn als Ausführender – jedes Mal wieder vor einem Rätsel. Wiedergaben, die den Stempel einer außerordentlichen, rundum gelungenen Interpretation tragen, können daher auch ältere Musikfreunde vermutlich an einer Hand abzählen.

Eher schon trägt jeder Versuch einer Aufführung der Neunten den Charakter des Experiments. Eines von vornherein zum Scheitern verurteilten Experiments, genau genommen. Nur die allergrößten Interpreten kommen dabei über das Stadium der Präparation der Ingredienzien hinaus.

 

Was Beethoven alles vorschreibt...

In diesem Sinne reihte sich die traditionelle Neunte zur Jahreswende im Wiener Konzerthaus in die fortwährenden Vorbereitungsstadien ein. In Wahrheit darf es ja angesichts dieser Partitur schon als gediegene interpretatorische „Deutung“ gelten, wenn es einem Dirigenten gelingt, die von Beethoven vorgeschriebenen Anweisungen halbwegs zu realisieren.

Louis Langrée ertrotzte von den Symphonikern und der von Heinz Ferlesch wohl vorbereiteten Singakademie einiges von den offenbar beabsichtigten dynamischen Wechselwirkungen.

Es dauerte diesmal sogar ein wenig länger als bei durchschnittlichen Aufführungen, bis sich das notorische, bequeme Einheitsforte auch über jene Passagen der Komposition legte, die durch konsequente Pianissimo-Vorzeichnung deutlich von ihrer Umgebung abgehoben sein sollten.

Im Übrigen hatte man mit Langrée einen geübten Opernkapellmeister zur Verfügung, der das gefürchtete Kantatenfinale zügig durchzieht, ohne die formalen Brüche über Gebühr zu strapazieren. Das ist schon allerhand und entschädigt vielleicht in gewisser Weise für den vollständigen Mangel an metaphysischen Qualitäten, die zur Sinngebung mancher düsterer Ballung im Stirnsatz, vielleicht auch mancher Volte des Scherzos, vorteilhaft sein könnten.

 

Das Adagio zog vorüber wie ein Lächeln

Staunenerregend, erschütternd, ja auch nur theatralisch effektvoll geriet diesmal wenig bis gar nichts. Und das Adagio zog vorüber wie ein freundliches Lächeln. Man lächelte wider und war zu diesem Zeitpunkt dann nicht einmal mehr erstaunt über die Diskrepanz zwischen gewonnenem Eindruck und Beethovens Massierung der Mittel.

Bedeutete die drohende Dissonanz-Grimasse, mit der der vierte Satz anhebt, gegenüber so viel unverbindlicher (von den Primgeigen der Symphoniker übrigens zu Zeiten mit bewundernswert sauberen Arabesken umkränzter) Freundlichkeit nicht eine allzu drastische Überreaktion?

Immerhin sang Luca Pisaroni dann das große Rezitativ und die erste Strophe des Freudenhymnus wortdeutlich und mit großer Ausdruckskraft. Pavol Bresliks Tenor erstrahlte im Siegesglanz, und die beiden Damen, Susan Gritton und Serena Malfi, ergänzten das Soloquartett um runde, harmonische Töne. Erst die letzten gemeinsamen Meter arteten angesichts des dann bereits ungezügelt tosenden Orchesterfortissimos in eine Brüllorgie aus.

Aber wer mit Friedrich von Schiller buchstäblich der ganzen Welt einen Kuss auf die Wange drücken möchte, muss sich in Zeiten wie diesen ja wohl ein wenig aufdringlich bemerkbar machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2014)