Iraks Zukunft ist offen wie eine Wunde

Das Verfassungsreferendum ist ein Etappenerfolg. Gefestigt ist das Fundament des zerfallenden Staates damit aber noch nicht.

G
ute Nachrichten aus Irak sind sel ten zu vernehmen. Kein Wunder also, dass jemand wie George W. Bush lustvoll am Verstärker dreht, sobald auch nur der leiseste Anklang einer freudigen Melodie aus Bagdad zu hören ist. Einen "schweren Schlag" gegen die Terroristen nannte der US-Präsident am Sonntag das irakische Verfassungsreferendum. Es kamen schon einmal ähnliche Töne aus Washington. Das war Ende Jänner, als die Iraker ein neues Parlament wählten. Auch damals hieß es, den Extremisten sei eine entscheidende Niederlage zugefügt zugefügt worden. Bis die Zahl der Anschläge wieder dramatisch zunahm.

Ja, es ist als Fortschritt zu werten, wenn trotz Terrorgefahr 60 Prozent der Wahlberechtigten zu den Wahlurnen schreiten und nach Jahren der Diktatur ihre demokratischen Rechte wahrnehmen. Irak hat sich eine neue Verfassung gegeben. Auch das ist zu begrüßen. Denn wo in der arabischen Welt ist es sonst noch möglich, dass Bürger frei über den Zuschnitt ihres Staates entscheiden können? Doch ungeklärt bleibt, ob Irak überhaupt eine Zukunft als geeinter Staat hat oder demnächst in drei Teile zerfällt: einen kurdischen, einen schiitischen und einen sunnitischen. Zentrifugale Spuren finden sich auch im Verfassungsentwurf, der etwa die Entstehung eines schiitischen Super-Bundesstaats ermöglicht.

Irak braucht nicht nur eine Verfassung. Das Land braucht Strom, Wasser, Frieden, Normalität - vor allem aber eine neue Identität. Und das kann noch dauern. Iraks Zukunft ist offen wie eine Wunde. Immer noch. (Bericht: S. 3)

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