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Erinnerung an den Ersten Weltkrieg: »Hindenburg auf dem Kalender«

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Der Steirer Oskar Stipperger, geboren 1913, hat den Ersten Weltkrieg als Kind erlebt. Das Protokoll einer Erinnerung, aufgezeichnet von seiner Enkelin.

Am 22. September 2013 hat Oskar Stipperger Geburtstag gefeiert. Er flog mit dem Hubschrauber über Graz, fuhr mit der Seilbahn auf den Dachstein, von dort mit einem Schneemobil zur neuen „Brücke ins Nichts“. Es war sein 100. Geburtstag.

Oskar Stipperger war Beamter der steirischen Landesregierung, diente u. a. Landeshauptmann Josef Krainer sen. als Protokollchef. Er ist auch mein Stief-Großvater, der zweite Mann meiner Großmutter, sie haben 1950 geheiratet. Als der Erste Weltkrieg losbrach, war er ein Jahr alt. Für die „Presse am Sonntag“ hat er versucht, sich zu erinnern.


„Ich bin am 22. September 1913 in Graz zur Welt gekommen. Damals haben die Leute bei besonderen Anlässen noch gesungen: Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Reich. So bin ich aufgewachsen. Wir hatten damals an der Tür einen großen Kalender, auf dem waren zwei Fotos drauf und da hat man mich hochgehoben und mir gezeigt: Schau, das ist der Hindenburg, das ist der Hötzendorf. (Paul von Hindenburg war Generalfeldmarschall und erlangte 1916 bis 1918 eine quasidiktatorische Machtstellung im Deutschen Reich; Franz Conrad von Hötzendorf war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs Chef des Generalstabs für die gesamte bewaffnete Macht Österreich-Ungarns, ab 1916 Feldmarschall, Anm.) Das war 1916. Hindenburg, Hötzendorf, 1916. Das ist meine früheste Erinnerung an die Zeit.

Der Bruder meiner Mutter, der Heinz, war damals schon Offizier. Der kam hin und wieder auf Urlaub. Mit Uniform. Ich kann mich erinnern, dass ich mich als Bub gewundert habe, dass er etwas anderes anhatte als der Vater. Wenn sein Urlaub vorbei war, haben meine Mutter und ich ihn zum Zug begleitet. Dann stand am Grazer Lastenbahnhof ein langer Militärzug mit vielen, vielen Soldaten drinnen. Vorn war ein Personenwaggon, da stieg dann der Onkel ein.

Dann plötzlich hieß es: Es ist Frieden. Ja, was war das für mich? Frieden? Und es gab plötzlich keinen Kaiser mehr. . . das war für mich eigenartig.

Welche Vorstellung hast du vom Kaiser gehabt?
Vom Kaiser habe ich gar keine Vorstellung gehabt. Der war irgendwo in Wien, von ihm habe ich nie ein Bild gesehen. Inzwischen ist ein zweiter Bruder gekommen und im Februar 1919 noch mein dritter Bruder. Nach dem Krieg sind die Lebensverhältnisse ziemlich spärlich geworden. Vor allem für Familien mit Kindern ist es sehr schwierig geworden. Da hat man natürlich alles Mögliche versucht. Mein Vater hatte entdeckt, dass es in Andritz (damals ein Vorort, heute der 12. Grazer Bezirk, Anm.) einen Bauern gab. Der hatte Milch und Vieh, und der hat gesagt, er könne uns ohne Weiteres Milch geben, aber wir müssten schauen, wie wir bei der Maut durchkommen. Dort kam immer ein Beamter herein in die Straßenbahn: Haben Sie was mit, Lebensmittel? Man durfte nichts einführen. Aber da hatte meine Mutter eine gute Idee. Wir hatten damals eine Hausgehilfin. In deren Jacke hat meine Mutter zwei tiefe Säcke eingenäht, und da wurde je eine Flasche reingesteckt. Sie bekam eine Monatskarte für die Straßenbahn und so ist dieses Mädchen jeden Tag hinaufgefahren zu diesem Bauern und hat zwei Flaschen Milch bekommen. Und dann saß sie in der Straßenbahn und hat erklärt, sie hätte nichts zu verzollen. So kam sie wieder ganz gut nach Graz. So hat uns unsere Mutter ganz gut versorgt.

Was vielleicht noch interessant ist: Ich war keine sechs Jahre alt, da bekam ich Bauchtyphus von einer rohen Milch. Wir hatten damals einen sehr lieben Kinderarzt, der sagte zu meiner Mutter: Wenn Sie mir garantieren, dass das Kind völlig isoliert wird, dann kann man ihn zu Hause lassen. Sonst: Anna Kinderspital. Damals in den schlechten Zeiten war das dort nicht sehr schön. Da hat meine Mutter sofort reagiert. Mein Vater kam in ein anderes Zimmer, der kleinste Bruder blieb bei ihm, der mittlere wurde von der Tante in die Heimat Schladming geschickt und die Mutter blieb mit einer riesigen Waschlavur mit Lysoformwasser bei mir zurück und hat das tadellos gemacht. Wobei ich sagen muss, dass meine Mutter immer schon gerne Medizin studiert hätte. (Sie wurde 1891 geboren, war eine der ersten steirischen Skifahrerinnen und wurde ebenfalls 100 Jahre alt, Anm.) Wenn irgendwo Blut geflossen ist, ist meine Mutter mit Begeisterung dabei gewesen und hat geholfen.

So sind wir herangewachsen. Mit der Zeit haben sich die Lebensverhältnisse etwas gebessert. Dadurch, dass mein Vater bei der großen Mühle tätig war, hat er vor allem um Weihnachten etwas Mehl und Grieß bekommen, sodass meine Mutter sich ein bissl leichter getan hat. Mein Vater war in der Mühle als Buchhalter tätig, und als zweiter Gehilfe vom Chef. Auch die Verwaltung hat er gemacht. Dadurch war er sehr angesehen in der Schwitzermühle, wie sie geheißen hat. Er musste nicht in den Kriegsdienst, weil er schon über das Alter hinaus war und weil er eine Tätigkeit hatte, die zu Hause kriegsnotwendig war. Aber der Onkel war eben Offizier. Nach dem Krieg ist er nach Hause gekommen und hat zum Teil bei uns gewohnt. An sich wäre er Lehrer gewesen, aber nach dem Offiziersdasein wollte er nicht mehr Lehrer werden. Er hat alles Mögliche versucht, und erst so ungefähr 1929, 1930 hat er gemerkt, dass er sonst nirgends Fuß fasst und ist wieder Lehrer geworden. Aber als man später gesehen hat, dass wieder ein Krieg kommt, hat sich Heinz rehabilitieren lassen und ist wieder zum Militär gegangen.

So kriegsbegeistert war er?
Begeistert kann man nicht sagen. Begeistert waren alle miteinander nicht. Aber es war eine Pflichtsache, dass man eingerückt ist – im Zweiten Weltkrieg sowieso. Da musste jeder einrücken, ob er wollte oder nicht.

Hattest du nach 1918 Angst vor dem Krieg?
Nein. Weil es vorbei war – und es geheißen hat: Nie wieder Krieg.

Man hat sich getäuscht. . .
Da hat man sich getäuscht.

Wie war das später bei dir im Zweiten Weltkrieg? Beim Ersten hatte man ja keine Vorstellung, was das wird. . .
Sowieso nicht. Das war eine ganz harmlose Geschichte, aus der der Erste Weltkrieg geworden ist. Im Zweiten war ich schon bei einer Bezirkshauptmannschaft angestellt und wurde zuerst zurückgestellt, aber dann musste ich doch einrücken und bin bis nach Russland gekommen. Ich bin dort in der Hauptkampflinie gewesen. Dann war im Büro vom ersten Generalstabsoffizier einer auf Urlaub und der Offizier hatte das nicht richtig mitgekriegt und einen Mordswirbel geschlagen und hat gesagt „ein Sauhaufen!“ Und in dem Büro saß ein Gefreiter, mit dem ich Rekrut war. Der sagte: „Herr Hauptmann, i wissat schon wen, wer des machen kunnt.“ Also hieß es, der Gefreite Stipperger sei sofort in Marsch zu setzen. So war ich plötzlich etwas abgesetzt von der Front. Später in Deutschland, als die Front immer näher gekommen ist, habe ich meinen Onkel Heinz wiedergetroffen. Er hat gefragt, wo wir uns melden sollen, es war ein Kampfkommando. „Nicht gut, nicht gut“, hat er gemeint und dann telefoniert und dafür gesorgt, dass ich in einer Division, die erst wieder im Aufbau war, als Begleitoffizier eingesetzt wurde. Dadurch bin ich mit heiler Haut nach Hause gekommen.

Neu war ja gerade dieses Massenabschlachten . . .
Das habe ich zum Glück nicht erlebt, ich habe nie kämpfen müssen. Durch Zufälle bin ich durchgekommen.

Wie fühlt sich das an, wenn man zwei Weltkriege miterlebt hat?
Den Ersten hab ich ja nicht so sonderlich erlebt, aber den Zweiten natürlich schon, und das war vor allem für die Eltern schlimm. Drei Söhne eingerückt beim Militär. . . Schwierig war es aber auch im Ersten. Das System mit den Lebensmittelkarten haben sie erst zu spät eingeführt. Sie haben vorher noch keine Erfahrung gehabt. Beim Zweiten Weltkrieg waren sofort die Lebensmittelkarten da . . .

Nach diesem Krieg hat man dann gesagt, dass so etwas nie wieder in Europa vorkommen soll. Wichtig dabei waren sicher die wirtschaftlichen Verbindungen, die man aufgebaut hat. Das hat viel zur gegenseitigen Verständigung beigetragen. Man ist sich näher gekommen und hat gemerkt, die anderen sind ja gar nicht so. . . Auch der ganze Urlaubsverkehr hat viel dazu beigetragen.

Glaubst du, man kann aus der Geschichte etwas lernen?
Man sollte sie sich genau anschauen. Und erkennen, mit welchen Kleinigkeiten manches begonnen hat, was dann ein Flächenbrand geworden ist.

Steckbrief

1913 wurde Oskar Stipperger in Graz geboren. Er studierte Jus, von 1938 bis 1941 arbeitete er als Standesbeamter.
1941 bis 1945 war er Soldat im Zweiten Weltkrieg, danach kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
1948 begann er als Beamter in der Agrarbezirksbehörde Stainach. 1960 wurde er erster Sekretär des damaligen Landeshauptmanns Josef Krainer sen., später Protokollchef.
1969 organisierte er den Besuch von Queen Elizabeth in der Steiermark. Nach seiner Pensionierung 1978 blieb er noch einige Jahre Konsulent für Protokollfragen.
Am 22. 9. 2013 feierte er seinen 100. Geburtstag. Er fotografiert und malt Aquarell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)