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Alltag in Wien: Die Stadt steht Schlange

(c) Wien Museum
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In den Großstädten sorgt der Erste Weltkrieg für Nahrungsmittelknappheit und Hunger. Ein Gesicht des Mangels sind die Schlangen von Menschen, die sich stundenlang vor Kriegsküchen und Lebensmittelgeschäften anstellen.

In den Proletarierbezirken und insbesondere wird uns dies in Favoriten und Simmering gemeldet, stellen sich die Kinder schon kurz nach 10 Uhr abends vor den Mendlgeschäften an, um um 7 Uhr früh bei der Öffnung der Geschäfte Mehl zu bekommen.“ Es sind harte Worte, die Max Winter, Chefredakteur der „AZ am Abend“ und gleichzeitig sozialdemokratischer Abgeordneter in einem Brief an Ministerpräsident Karl Stürgkh wählt.
„Kindsmord!“, stellt er den Schilderungen voran, in denen der Pionier der Sozialreportage von Schlangen vor der Firma Mendl erzählt. Einem Bild, das nicht nur dort so typisch für Wien während des Ersten Weltkriegs ist: vom Anstellen. Besonders die Kinder, die sich nachts und in der Kälte vor den Lebensmittelgeschäften drängen, symbolisieren deutlich, wie sehr die soziale Ordnung in Wien unter dem Krieg leidet. Und es sind vor allem Frauen und Kinder, die sich schon zum Teil am Vorabend vor den Geschäften aufstellen, damit sie am nächsten Tag, wenn die Läden geöffnet werden, überhaupt noch eine Chance haben, etwas zu bekommen.

Das Anstellen sei eine Krankheit, stellt Bürgermeister Richard Weiskirchner leicht konsterniert fest. Schließlich, so argumentiert er noch im Oktober 1916 vor seinen christlichsozialen Parteikollegen, gebe es genügend Beispiele für die Irrationalität des Schlangestehens – und verärgert meint er, die „psychische Erkrankung“ der Wiener Frauen hintertreibe die „sorgfältigen Planungen“ der Stadtregierung zur Lösung der Lebensmittelkrise.

Allein, so sorgfältig Weiskirchner die Planungen auch wähnt, Fakt ist, dass schon bald nach Kriegsbeginn die Versorgung mit Lebensmitteln zu leiden beginnt. Was unter anderem an der Blockadepolitik der Mittelmächte liegt, auch wenn die nicht vorrangig auf Nahrungsmittel, sondern auf Rohstoffe wie Stahl und Eisen abzielt. Aber auch die schwerfällige Bürokratie, in der die Zuständigkeiten für Nahrungsmittelversorgung auf Innen-, Handels- und Ackerbauministerium aufgeteilt sind, ist eher ein Hindernis auf dem Weg zur Ernährung der Bevölkerung – das ändert sich auch nicht, als im November 1916 das zentrale Amt für Volksernährung eingerichtet wird, nur dass die Kompetenzstreitigkeiten nun zwischen Ämtern in Land, Bezirk und Gemeinde ausgefochten werden.

Zunächst wird der Umgang mit dem Mangel noch als Akt des Widerstands gegen den äußeren Feind begriffen, der das Land aushungern wolle, so die Propaganda. Kochbücher für die sparsame Hausfrau werden herausgebracht, Kochen als höhere Aufgabe inszeniert – und Hungern als minderes Opfer kommuniziert, gegen das, was die Soldaten an der Front erleiden.

Doch nach und nach weicht die Begeisterung der Daheimgebliebenen. Dann nämlich, als es zu immer stärkeren Engpässen kommt. Als die Polizei im Herbst 1914 die ersten Warteschlangen für Mehl und Brot registriert, Anfang 1915 Milch und Kartoffeln knapp werden, im Herbst 1915 Öl zur Mangelware wird. Aufrufe der Obrigkeit, sparsam mit Lebensmitteln umzugehen, stoßen zunehmend auf Spott und Hohn – wenn nicht einmal die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln einigermaßen aufrechterhalten werden kann.

Ersatz gibt es für alles. Die zunehmende Knappheit zeigt sich im Alltag vor allem in Improvisation: Der Mangel führt zu allen möglichen Formen von Ersatzlebensmitteln, ja, sogar eigene Ersatzmittelausstellungen werden abgehalten. Am Anfang wird etwa viel mit Kartoffeln improvisiert – von Kartoffelwürstchen bis Kartoffelpudding. Als die phasenweise knapp werden, treten Wruken, Steckrüben, an ihre Stelle. Weizen- und Roggenbrot werden mit Mais- oder Kartoffelbrei gestreckt, bis zu 80 Prozent Ersatzmehle finden sich zeitweise im Gebäck. Und das ist oft auch noch von zweifelhafter Qualität. Als Ersatz für Fleisch wird Nährhefe angepriesen, auch Suppenwürzen müssen zunehmend herhalten, um zumindest den geschmacklichen Anschein von Fleisch zu suggerieren. Es werden alle möglichen Kerne und Früchte ausgepresst, um mit dem Öl zu kochen. Als Ersatz für das Schmalz, das sonst in der Küche zum Einsatz kommt. Und schließlich macht die Industrie auch ihr Geschäft mit Ei-Ersatzmitteln – wenngleich „Kikeriki-Tabletten“ oder „Kokodak“ eher den Charakter von überteuerten „gefärbten Backpulverpräparaten“ hat, wie die Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussmittel des Apotheker-Vereines festhält.

Neben der Improvisation schlägt sich der Mangel aber auch in Hass nieder. Gegen jene nämlich, die die Stadtbevölkerung auf vollen Lagern wähnt – die Bauern. Und genau die, so verfestigt sich die Meinung, hielten Lebensmittel zurück. Die Landbewohner, über die sich die Städter zuvor noch erhaben gefühlt haben, verfügen plötzlich über genau das, was am allerwertvollsten ist – Nahrungsmittel. Was früher ein Wertgegenstand war, exquisites Geschirr, teure Kleidung oder Musikinstrumente, muss plötzlich gegen Eier, Milch oder Geflügel eingetauscht werden. Und auf einmal muss der Staat, der schon an mehreren Fronten kämpft, auch noch im Land selbst Truppen organisieren, um Plünderungen zu verhindern.

Denn auf der Suche nach Lebensmitteln machen sich die Stadtbewohner zunehmend mit dem Rucksack auf den Weg, um im Umland an Nahrungsmittel zu kommen. Sie durchkämmen die Felder, stürmen zu den Bauernhöfen – wo sich die Landwirte zum Teil verängstigt einschließen. Und die Menschen drohen gar damit, sollten die Bauern keine Nahrungsmittel hergeben, das Haus niederzubrennen.

Auch in Wien selbst müssen die Behörden auf die Sicherheit achten. Ist etwa ein Produkt ausverkauft, droht Unruhe. Was unter anderem dazu führt, dass die Polizei die Anzahl der in einen Bezirk gelieferten Laibe Brot mit der Zahl der vergeblich in einer Schlange stehenden Menschen gegenrechnet, um das Potenzial für Unruhen auszumachen. Solidarität rund um die Schlangen gibt es vor allem unter den Händlern, die nicht nur um ihr Geschäft, sondern auch um ihre Sicherheit fürchten.

Anstellverbot. Um Unruhen zu verhindern, erlässt die Stadt Wien 1918 sogar ein behördliches Anstellverbot. Mit mäßigem Erfolg – so schildert etwa der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Karl Volkert haarsträubende Szenen, die sich abspielen. Als Polizisten die Straße zu einem Fleischhauer im 17. Bezirk absperren, kommt es zu Tumulten. Mehrere Frauen, die versuchen, an ein Stück Pferdefleisch heranzukommen, aber auch Polizisten, werden verletzt. Die Obrigkeit sieht sich, wie die Historikerin Maureen Healy schreibt, einer beängstigenden Wahrheit gegenüber: Der Wille der Bevölkerung, Lebensmittel zu ergattern, ist stärker als die Kraft des Gesetzes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)