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Der Krieg als Massenexperiment

(c) Heeresgeschichtliches Museum
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Viele Mediziner betrachteten den Krieg als Möglichkeit, Erfahrungen in der Forschung zu sammeln, die in Friedenszeiten nicht möglich gewesen wären.

Ein „hochinteressantes Massenexperiment“ sei der Erste Weltkrieg, schrieb Leopold Freund 1917. Und der k. u. k. Stabsarzt war mit dieser Einschätzung nicht allein – zahlreiche Mediziner betrachteten den Krieg auch als Chance, Erfahrungen zu sammeln, die sich ihnen in Friedenszeiten niemals bieten würde. Tatsächlich sind große militärische Konflikte auch „Katalysatoren für medizinische Entwicklungen“, sagt Wolfgang U. Eckart. „Im Krieg werden durch den Druck der Verhältnisse viele Dinge forciert oder erst entdeckt.“ Der deutsche Medizinhistoriker hat sich zuletzt mit der Rolle der Medizin in den Jahren ab 1914 beschäftigt – an den Fronten, aber auch in den Städten der Heimat, wo Krankheit und Tod genauso zum Alltag der Menschen gehörten.

Ein Alltag, der mit Beginn der Kampfhandlungen auch massive Verschlechterungen der Bedingungen mit sich brachte. Vor allem Hunger entwickelte sich zu einem Problem – „wegen Missernten, Misswirtschaft und einem gefräßigen Militär, für das Lebensmittel von der Zivilbevölkerung an die Front abgezogen wurden“, sagt Eckart. Eingefallene Gesichter, bleiche Kinder mit Hungerbäuchen waren eine sichtbare Folge der Unterernährung. Und mit ihr stieg auch die Krankheitsanfälligkeit an. Krankheiten, die wegen zunehmend besserer Lebensbedingungen zuvor schon deutlich zurückgedrängt worden waren, tauchten plötzlich wieder auf, allen voran die Tuberkulose. „Sie ist nicht nur eine Infektionskrankheit, sondern auch eine soziale Krankheit“, sagt Eckart. „Und die Sterblichkeit nimmt in Krisenzeiten immer zu.“

Gonorrhö und Prostitution. Und auch Geschlechtskrankheiten traten kriegsbedingt deutlich häufiger auf. Wegen der Soldaten, die aus den Besatzungsgebieten etwa Gonorrhö in großem Umfang mitbrachten. Aber auch wegen der sozialen Dramatik in der Heimat, die sich in einer stark anschwellenden Erwerbsprostitution zeigte.

Die Behandlung all dieser Krankheiten war schwierig. „Denn das war noch eine relativ medikamentenfreie Zeit“, sagt der Medizinhistoriker. Natürlich, gegen die eine oder andere Krankheit waren schon Therapiemöglichkeiten vorhanden – etwa mit Salvarsan gegen Syphilis, das allerdings wegen des darin enthaltenen Arsens nicht ungefährlich war. Für die Soldaten gab es diverse Schmerzmittel. Und auch das Impfen hatte sich bei einigen Krankheiten schon etabliert. So waren die Bewohner des Deutschen Kaiserreichs etwa schon weitestgehend gegen Pocken geimpft. „Teilen der klassischen Volkskrankheiten konnte also schon vorgebeugt werden.“

Tetanus und Cholera. Im Lauf des Krieges wurde auch die Tetanusimpfung zunehmend eingesetzt – vor allem an der Front war das ein enormer Fortschritt. Damit konnte die Gefahr von Wundstarrkrampf durch Schürfwunden deutlich reduziert werden. Als besonders gefährlich für Soldaten erwies sich aber auch die Cholera. „Vor allem in Galizien gab es Choleraepidemien en masse“, sagt Eckart. Auch Typhuskrankheiten waren ein Problem – zwar gab es einen Impfschutz, er wurde von den Soldaten aber nicht gern in Anspruch genommen, weil die Impfung unangenehm und eine Nachinfektion möglich war. Ein riesiges Problem an der Front war auch Gasbrand – eine gefährliche Infektionskrankheit der offenen Wunde, die sehr schnell zum Tode führen kann. Sie trat oft bei Amputationen auf.

1918 brachten heimkehrende Soldaten eine Grippeepidemie nach Wien, die sich unter der Bevölkerung, die ohnehin schon geschwächt war, rasch ausbreitete. Zusätzlich zu den schon vorhandenen kriegsbedingten Infektions- und Mangelerkrankungen – etwa der Ruhr – ein weiterer heftiger Schlag. Immerhin, Wien hatte bereits eigene Spitalsanlagen errichtet, die auf die Behandlung von Kriegsepidemien eingestellt waren.

Auch auf anderen Gebieten der Medizin hatte man in den Jahren des Krieges schon Fortschritte gemacht. Allen voran bei den Bluttransfusionen: „Die Frage der Blutkonserven wurde angegangen – man musste sich etwa Gedanken machen, wie man Blut konserviert“, sagt Medizinhistoriker Eckart. Zwar kam man während des Krieges noch nicht zu endgültig befriedigenden Ergebnissen, aber immerhin wurde die Notwendigkeit erkannt. Klar ist aber auch, dass der Zwang zur Improvisation und das Experimentieren mit unterschiedlichen Verfahren auch mit hoher Risikobereitschaft einhergingen. So erprobte etwa Psychiater Julius Wagner-Jauregg die Behandlung von geisteskranken Patienten mit dem Blut malariakranker Soldaten.

In der Chirurgie war man gezwungen, sich um einige Dinge intensiver zu kümmern – etwa neurologische Verletzungen nach Kopfschüssen. Durch diese neuartige Art von Kriegsverletzungen wurde es möglich, bestimmte Ausfälle von Hirnarealen einzelnen Defiziten im Körper zuzuordnen. Und schließlich machte auch die mechanische Prothetik große Fortschritte: Der Ersatz für weggefallene Glieder wurde durch Scharniere und Gelenke deutlich beweglicher gemacht, als das bei starren Prothesen möglich war.

Maßlos überschätzt. Im Rückblick hat die Medizin tatsächlich in einem gewissen Maß profitiert, wie sich das zahlreiche Forscher gewünscht haben. Allerdings auf Kosten unermesslichen menschlichen Leids, das durch den Krieg hervorgerufen wurde. Und Eckart ist auch wegen eines anderen Punktes kritisch: „Der Krieg als wunderbares Experimentierfeld für die Medizin, den viele Mediziner begrüßt haben, wurde maßlos überschätzt. Die effektiven Entwicklungsschübe waren deutlich weniger zahlreich, als sich das manche erhofft haben.“

Buchtipp

Medizin im Krieg

Wolfgang U. Eckart: Medizin und Krieg: Deutschland 1914–1924, Ferdinand Schöningh Verlag, erscheint im Frühjahr, ca. 39,90 Euro
Inhalt: Der deutsche Medizinhistoriker schildert Krankheiten, Verletzungen und die Rolle der Medizin in der Zeit um den Ersten Weltkrieg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)