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Weibliche Edelwaffen und radaulustige Weiber

(c) Wien Museum
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Der Erste Weltkrieg brachte die traditionelle Geschlechterordnung durcheinander. Frauen in »Männerberufen« wurden aber vor allem als Platzhalterinnen betrachtet.

Als Österreich-Ungarn in den Krieg zog, rief es auch seine Frauen zu den Waffen. Freilich zu den „weiblichen Edelwaffen der Liebe und der Barmherzigkeit, der Selbstaufopferung und des Fleißes“, wie es in einer Publikation des k. u. k. Ministeriums des Innern hieß. Die Rollen waren klar verteilt: Während die Männer in die Schlacht zogen, sollte die weibliche Bevölkerung vor allem die Kämpfer an der „Heimatfront“ unterstützen.
„Sie sollten dulden, sich aufopfern, Verwundete pflegen – alles im Namen der Liebe zu ihren Soldatenmännern und dem bedrohten Vaterland“, sagt die Historikerin Christa Hämmerle im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Damit habe der Ausbruch des Krieges „zunächst einen Backlash hin zu einem konservativen und polaren Geschlechtermodell“ bedeutet.

Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren auch in Wien bereits neue Frauenbilder im Entstehen gewesen. „Vor Kriegsausbruch gab es einen komplexen, ambivalenten und kontroversen Geschlechterdiskurs“, erklärt Hämmerle, deren Buch „Heimat/Front“ am 22. Jänner erscheint. Drei Jahre vor Kriegsbeginn marschierten 20.000 Frauen (und auch Männer) über den Ring, um gleiche Rechte zu fordern. Die Arbeitswelt begann sich zunehmend weiblichen Beschäftigten zu öffnen, der Zugang zu einigen Wiener Fakultäten wurde erkämpft. In der Familie jedoch bestimmte das Eherecht den Mann nach wie vor als das alleinige Oberhaupt, ohne dessen Zustimmung die Ehefrau weder einen Beruf ergreifen noch ihren Wohnsitz ändern konnte. Auch dagegen kämpfte die Frauenbewegung in diesen Jahren.

Der Erste Weltkrieg drängte all das erst einmal in den Hintergrund. Die große Mehrheit der Frauenorganisationen unterstützte den Krieg. „Wie die Männer mit eiserner Kraft die Grenzen unseres Vaterlandes verteidigen, sind wir Frauen berufen, im Inneren des Landes die wirtschaftliche Verteidigung zu führen“, mahnte die Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs. Hilfsaktionen wurden organisiert, Nähstuben eingerichtet und „Liebesgaben“ wie Tabak oder Strickwaren an die Soldaten an der Front versandt. Die Propaganda rief Frauen zum Dienst als Krankenschwestern auf, für den sie sich „qua ihrer Liebesfähigkeit“ besonders gut eignen würden, und plakatierte das Motiv der ergebenen Ehefrau, die ihren kämpfenden Helden durch Briefe stützt.

„Fräulein Schaffner“. Je länger der Krieg dauerte, umso mehr brachte er die gängige Geschlechterordnung aber auch durcheinander, wie Hämmerle betont. Durch das Einrücken der Männer öffneten sich den Frauen völlig neue Arbeitswelten. Die Wiener hätten sich darauf „blitzschnell und mühelos“ eingestellt, lobte die „Neue Freie Presse“ im Juli 1915 unter dem Titel „Fräulein Schaffner“: „Man nimmt sogar an der konservativsten Stätte Wiens, im Kaffeehaus, die Kellnerin ohne Emotion auf, und auch die auffälligste Neuheit des Krieges, die Schaffnerin, hat kein sonderliches Aufsehen erregt.“

Auch in klassischen „Männerberufen“ erhielten Frauen allerdings deutlich weniger Lohn. Und für einen großen Teil der Arbeiterinnen waren die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt keine Frage der Emanzipation, sondern eine des Überlebens. Im Laufe der Kriegsjahre wurde es für Mütter immer schwieriger, ihre Familien zu ernähren. Der Zorn über die explosionsartige Teuerung und die Korruption bei der Lebensmittelverteilung entlud sich in den Straßen Wiens und anderer Städte in Hungerkrawallen. Die „allgemeine Unzufriedenheit“ werde „namentlich durch das Gebaren radaulustiger Weiber, welche ihre Männer aufreizen, besonders erhöht“, meldete zu dieser Zeit eine bayerische Behörde.

Vereinzelt waren Frauen nicht nur an der „Heimatfront“, sondern auch direkt an Kampfplätzen im Einsatz. So fuhren etwa wohlhabende Frauen an der Westfront freiwillig mit dem Krankenwagen oder errichteten hinter der Front Feldspitäler. Alice Schalek, Fotografin und Journalistin bei der „Neuen Freien Presse“ (s. auch Seite 45), berichtete als erste und einzige Frau aus dem k. u. k. Kriegspressequartier.

Die Obrigkeit fand allerdings an Frauen in „Männerberufen“ nur wenig Gefallen. Man betrachtete sie vor allem als Platzhalterinnen für die Soldaten, denen sie, wenn sie nach dem Krieg heimkehrten, wieder weichen sollten. Ein Vertreter des deutschen Reichsamts des Innern schrieb sich 1917 den Verdruss über den Anblick von „Frauen auf dem Kutschbock oder bei der Straßenreinigung“ von der Seele, die man erst bei scharfem Hinsehen von Männern unterscheiden könne. „Durch die Beschäftigung der Frauen in den männlichen Berufen wird eben der ganze weibliche Organismus und die ganze weibliche Sinnesrichtung in andere Bahnen gedrängt, und das prägt sich schließlich auch äußerlich aus.“ Frauen aus diesen Beschäftigungen „wieder herauszubringen“, sei im Interesse der männlichen Arbeiter und auch des Volkswohles, werde aber nicht immer leicht sein.

Geschlechterkampf. Tatsächlich setzte mit dem Ende des Krieges ein Geschlechterkampf um die Arbeitsplätze ein, wie Historikerin Hämmerle feststellt. Die staatliche Arbeitslosenpolitik habe die Kriegsheimkehrer stark begünstigt. Frauen sollten in ihre „traditionellen“ Branchen zurückkehren. Das sei jedoch nicht durchgehend gelungen – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Frauen billigere Arbeitskräfte waren als Männer.

Das Wahlrecht erhielten Österreichs Frauen noch 1918. Das lag Hämmerle zufolge allerdings nicht primär an deren Kriegsengagement, sondern an den politischen Kräfteverhältnissen in der Ersten Republik – konkret an der starken Position der Sozialdemokraten, die diese Forderung bereits seit 1892 im Programm hatten. Der Einfluss von Frauen in den Parteien und im Parlament blieb auch nach 1918 gering und auf Bereiche wie Sozial- und Familienpolitik beschränkt.

Die These, dass Frauen vor allem aufgrund ihrer im Ersten Weltkrieg geleisteten Arbeit gleichberechtigt wurden, bewahrheitet sich nach Hämmerles Befund somit nicht. Die im November 1918 in der „Arbeiterinnen-Zeitung“ geäußerte Hoffnung, nun würden die Frauen „frei von den Fesseln, die man ihnen so lange auferlegt hat“, blieb noch lange unerfüllt.

Buchtipp

Die Autorin: Christa Hämmerle, außerordentliche Professorin für Neuere Geschichte und Frauen-/Geschlechtergeschichte an der Uni Wien, beschreibt in ihrem neuen Buch die Verschränkungen zwischen „Front“ und „Heimatfront“ in Österreich-Ungarn.
Der Inhalt: Der Mainstream der Forschung zum Ersten Weltkrieg habe die Geschlechtergeschichte noch nicht umfassend aufgegriffen, argumentiert sie. Gerade der Erste Weltkrieg sei aber ohne Blick darauf nicht zu erklären, da er als Volkskrieg geführt worden sei und zeitgenössische Aufrufe, sich daran zu beteiligen, immer mit Geschlechterrollen argumentiert hätten.
Das Buch: Heimat/Front. Geschlechtergeschichte(n) des Ersten Weltkriegs in Österreich-Ungarn. Erscheint am 22. Jänner 2014 im Böhlau-Verlag.
www.boehlau-verlag.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)