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Haschemiten: Die Königsdynastie der Wüstenkrieger

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Das von den Briten versprochene Reich erhielten die Haschemiten nicht. Ihr Aufstand gegen die Osmanen begründete aber ihren Aufstieg.

Sie tauchen plötzlich auf, preschen heran, schlagen zu und verschwinden wieder wie Geister in der Wüste. Mit ihren Angriffen aus dem Hinterhalt, Sabotageakten, Attacken auf wichtige Eisenbahnverbindungen setzen die arabischen Reiter dem osmanischen Militär mächtig zu. Und inmitten der Wüstenkrieger, die sich gegen die osmanische Herrschaft erhoben haben, kämpft ein Europäer – der britische Offizier T. E. Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien. Die Erlebnisse des Briten wurden später Stoff für einen Monumentalfilm, mit dem kürzlich verstorbenen Peter O'Toole in der Rolle des unerschrockenen Soldaten Seiner Majestät.

Was damals während des Ersten Weltkrieges im Nahen Osten – fernab von filmischer Abenteuerromantik – geschah, hatte zwar geringere Auswirkungen auf dem Schlachtfeld, als man in London zunächst erhofft hatte. Doch es begründete den Aufstieg des arabischen Herrscherhauses der Haschemiten, der von vielen Rückschlägen gekennzeichnet war.

Anfang 1914 kämpfte das Osmanische Reich mit gewaltigen Zerfallserscheinungen. In den arabischen Teilen des Imperiums war die Unzufriedenheit seit Jahren immer mehr angewachsen. Die Zentralisierungsversuche der Jungtürken, die in der Hauptstadt das Ruder in der Hand hielten, stießen bei vielen Arabern auf Ablehnung. Als Reaktion erstarkten regionale Abspaltungsbestrebungen und die – damals noch kleinen – nationalistischen Bewegungen, die sich so wie in Europa auch im arabischen Raum gebildet hatten.

Im Oktober/November 1914 trat das Osmanische Reich aufseiten Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Weltkrieg ein. Großbritannien wandte sich nun an einen der höchsten muslimischen Würdenträger, den Sherifen von Mekka, Hussain ibn Ali. London überredete ihn, die arabischen Stämme zum Aufstand gegen die Osmanen aufzustacheln. Dafür versprachen die Briten ihm und seiner Haschemiten-Familie die Königsherrschaft über ein gewaltiges arabisches Reich vom Ostteil Syriens bis zur arabischen Halbinsel.


London bricht Zusage. 1916 starteten Hussain ibn Alis Kämpfer den Aufstand. Doch nicht alle arabischen Stämme folgten ihm. Einige standen weiter zu den Osmanen und bekämpften die haschemitischen Truppen. Trotzdem gelang es Hussains Sohn Faisal und seinen Männern im Oktober 1918, Damaskus zu besetzen. Der Führer der Haschemiten erwartete nun, dass die Briten ihn wie zugesagt als König eines arabischen Reiches anerkennen würden. Doch London hatte andere Pläne: Die Briten hatten nämlich mit den Franzosen und den Russen ein Geheimabkommen über eine Aufteilung des Nahen Ostens geschlossen.

1920 holten sich die Franzosen die Stücke, die an sie abfallen sollten, und marschierten in Damaskus ein. Dort hatte man zuvor unter Berufung auf das von US-Präsident Woodrow Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker die Unabhängigkeit erklärt und Faisal zum König von Syrien ausgerufen. Doch die Franzosen vertrieben Faisal und seine Anhänger und übernahmen selbst die Herrschaft über Syrien. Zudem unterlagen die Haschemiten auf der arabischen Halbinsel den Kämpfern der Ibn-Saud-Familie. Der Traum vom Königreich schien ausgeträumt.


Doch noch Könige. Hussain ibn Ali fühlte sich von den Briten betrogen. Schließlich wandte sich London aber erneut an die Haschemiten. Man benötigte arabische Würdenträger, die die Gebiete verwalteten, die sich die Briten aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches einverleibt hatten: So wurde Hussains Sohn Faisal König des Irak und Faisals Bruder Abdullah König Transjordaniens. Doch beide waren von London abhängig.

Zermürbt von permanenten Aufständen entließen die Briten den Irak 1932 in die Unabhängigkeit. London behielt jedoch weiterhin großen Einfluss im Irak, was den Haschemiten Kritik im eigenen Land einbrachte. 1958 putschten irakische Offiziere gegen König Faisal II. Der Monarch und seine probritische Politik waren den revolutionären und arabisch-nationalistischen Kräften, die im Nahen Osten Aufwind hatten, ein Dorn im Auge. Faisal II. und seine Verwandten wurden getötet, die haschemitische Dynastie im Irak ausgerottet.

In Jordanien herrschen die Haschemiten bis heute. Dort sitzt nun Abdullah II. auf dem Thron, Sohn des 1999 verstorbenen Langzeitmonarchen Hussain und Ururenkel von Hussain ibn Ali, dem Sherifen von Mekka, der im Ersten Weltkrieg seine Reiter gegen die Osmanen in die Schlacht geschickt hatte.

Arabien 1914

Die arabische Halbinsel war stets nur an den Rändern unter der Kontrolle der Türken gewesen, und auch dort oft nur in formaler Hinsicht. Türkisch zumindest „bevormundet“ waren Küstenstreifen am Roten Meer bis hinab zum Jemen und am Persischen Golf bis auf Höhe des heutigen Bahrain. Der Süden und das riesige Zentrum bis zum Rand der irakischen Wüste gehörte Stämmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)