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Zehn Lehren aus dem Ersten Weltkrieg

Auch 100 Jahre später schmerzt es, wie unsinnig der Große Krieg mit seinen katastrophalen Folgen war. Doch aus den Fehlern von damals lassen sich noch immer Schlüsse für die Gegenwart ziehen.

Zehn Millionen gefallene Soldaten, fast ebenso viele tote Zivilisten. Und danach ein Friede, der den Keim für ein noch verheerenderes Gemetzel in sich trug. Man nennt den Ersten Weltkrieg zu Recht die Urkatastrophe Europas. Es war ein unsinniger, vermeidbarer Krieg, in den die Großmächte stolperten. Die Krise nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo hätte auch anders gelöst werden können. Trittsicher und blind wie „Schlafwandler“ seien die damaligen Entscheidungsträger zwischen Wien, London, Paris, Berlin und St. Petersburg in den Abgrund marschiert, schreibt der Historiker Christopher Clark.

Kann sich ein Unglück dieses Ausmaßes wiederholen? In Europa scheint ein Dacapo des Grauens ausgeschlossen. Das ist dem europäischen Einigungsprozess zu verdanken. EU-Politiker werden im Zuge des Gedenkreigens unermüdlich darauf hinweisen – und auf die „Gefahren des Nationalismus“. In Asien drängen sich jedoch Analogien auf.

Es lohnt jedenfalls, aus der Geschichte zu lernen. Das zeigte sich im Kampf gegen die Finanzkrise, bei dem die Fehler nach dem Börsencrash 1929 als Negativfolie dienten. Und es schadete 1962 auch US-Präsident Kennedy nicht, dass er vor der Kuba-Krise in Barbara Tuchmans Buch „August 1914“ gelesen hatte, welche fatalen Konsequenzen politische Fehleinschätzungen haben können.

Folgend ein unvollständiger Versuch, Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen:

1) Menetekel der Machtverschiebung. Gefährlich wird es, wenn die internationale Ordnung aus dem Gleichgewicht gerät. In den Dekaden vor 1914 löste der Aufstieg Deutschlands Verunsicherung aus. Gleichzeitig sank Britanniens Macht. Es beendete seine Splendid Isolation, schloss 1907 mit Frankreich und Russland die Triple Entente.
2) Starre Bündnisblöcke formierten sich. Das trug zur Polarisierung bei. Sichtbar wurden die Spannungen an der Peripherie, in Marokko und im Vakuum, welches das Osmanische Reich auf dem Balkan hinterlassen hatte.
3) Gefahr am Rand. Die Lunte lag an einem Nebenschauplatz. Das macht die ungelösten Nahost-Konflikte bis heute so gefährlich.
4) Kein Schutz durch Globalisierung. Gegenwärtig sorgen Chinas Aufschwung und Amerikas Rückzugstendenzen für Unruhe im System. In Asien steigt der Pegel der Aggression, zuletzt über eine unbewohnte Inselgruppe, die Japan und China beanspruchen. Die USA haben sich verpflichtet, ihren Verbündeten beizuspringen. Nirgendwo sonst zeichnet sich ein Szenario für einen „Großen Krieg“ so deutlich ab. Bisher freilich ist es gut gelungen, den Aufstieg Chinas friedlich zu managen. China und die USA sind wirtschaftlich eng verflochten. Doch die gegenseitige Abhängigkeit bietet keinen Schutz vor Kriegen. 1914 war Deutschland Großbritanniens wichtigster Handelspartner in Europa.
5) Feindbilder und Fehlkalkulationen verselbstständigen sich. Und unklare Kommunikation schürt Paranoia. Man kann den Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch als eine Kette von Missverständnissen interpretieren. Die deutsche Führung etwa glaubte bis zuletzt, dass Großbritannien nicht eingreifen werde und sich der Konflikt nach dem Sarajewo-Attentat auf Serbien lokalisieren lasse.
6) Terrorattacken können die Weltgeschichte wie Stromschläge in Bewegung setzen und blinden Vergeltungseifer entfachen. Das war 1914 so und nach 9/11 nicht anders.
7) Ultimaten und militärischer Druck erzwingen bisweilen eine Deeskalation. Im Vorjahr stimmte Syriens Diktator der Vernichtung seiner Chemiewaffen zu, weil ihm ein US-Militärschlag drohte. 1913 erreichte Österreich-Ungarn so den Abzug serbischer Truppen aus Albanien. Nach dem Sarajewo-Attentat wirkte das (unerfüllbare) Ultimatum Wiens an Serbien jedoch wie eine Zündschnur zum Weltenbrand.
8) Macho-Falle. Im Vabanquespiel des Sommers 1914 stilisierten es die Akteure zur mannhaften Ehrensache, hart zu bleiben und nicht zurückzuziehen. Ähnlich funktioniert heute der Begriff der Glaubwürdigkeit, um die Regierungschefs bangen, wenn sie ihren Drohungen nicht Taten folgen lassen.
9) Kriegslogik. Haben einmal Militärs das Kommando übernommen, dominiert ihre Logik. Zar Nikolaus II. wollte seine Armee anfangs lediglich zum Teil mobilisieren, um Deutschland nicht auf den Plan zu rufen. Doch organisatorisch war nur eine Generalmobilmachung möglich. Die deutsche Heeresleitung wiederum weigerte sich, den gegen Frankreich gerichteten Schlieffen-Plan auf Russland umzuorientieren. Wäre Deutschland nicht im neutralen Belgien einmarschiert, hätte sich der Kriegseintritt Großbritanniens vielleicht vermeiden lassen.
10) Gesetz der unbeabsichtigten Folgen. Keinem der Entscheidungsträger war 1914 auch nur annähernd klar, welche Folgen der Krieg zeitigen würde. Drei Herrscherhäuser brachen zusammen: die Habsburger, die Hohenzollern und die Romanows. Das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn fielen auseinander. In Russland übernahmen die Kommunisten die Macht, in Deutschland bereitete der Versailler Friedensvertrag den Boden für die Nationalsozialisten. Großbritannien und Frankreich ließ der Krieg hoch verschuldet zurück. Zur Weltmacht stiegen die USA auf. Das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen hatte seinen Tribut gefordert: Die Mächtigen irren, wenn sie glauben, komplexe Prozesse oder gar Kriege beherrschen zu können.



christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)