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Thomáš Masaryk: Ein spät berufener Revoluzzer

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Tschechoslowakei. Erst der Widerstand der Ungarn und Deutschböhmen gegen die politische Gleichstellung der Tschechen unter dem Dach der Habsburgermonarchie brachte den späteren Staatsgründer auf Kollisionskurs mit Wien.

In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“ Am 3.August 1914 notierte der britische Außenminister Edward Grey diese prophetische Sentenz eines Freundes in sein Tagebuch. Doch die Wehklage über den Untergang des Abendlandes im Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs, die in diversen populärwissenschaftlichen Büchern zum Thema mitschwingt, diese Nostalgie nach der „Welt von gestern“ (© Stefan Zweig), ist nicht die ganze Wahrheit.

Für die politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie mag der Krieg in der Tat eine „totale Katastrophe“ gewesen sein, wie es die kanadische Historikerin (und Autorin der lesenswerten Neuerscheinung „The War that Ended Peace“) Margaret MacMillan formulierte. Doch diese Sicht der Dinge blendet jene Menschen in Zentral- und Osteuropa aus, die nicht das Glück hatten, über ihr politisches Schicksal selbst bestimmen zu können – da die Entscheidungen über Krieg und Frieden in Berlin, Wien, Budapest und Sankt Petersburg gefällt wurden.

Dieser Graben zwischen West und Ost ist auch hundert Jahre nach dem Ausbruch des Großen Kriegs nicht zugeschüttet. „Wenn es heißt, 1914 gingen in Europa die Lichter aus, so muss man schon sehen, wie politisch finster es in vielen Teilen dieses Europas vor 1914 zuging“, lautet der Kommentar des polnischen Politologen Adam Krzemiński zum Gedenkjahr 2014 in der „Zeit“.

Doch auch diese Sicht der Dinge ist nur eine Facette. „Jeder tschechische politische Denker im 19. und 20.Jahrhundert von František Palacký bis Tomáš Masaryk war davon überzeugt, dass es besser sei, die Habsburgermonarchie zu erhalten, statt sie auseinanderzunehmen“, schreibt der Historiker Timothy Snyder im Magazin des Wiener Instituts für die Wissenschaft vom Menschen. Nicht aus nostalgisch-sentimentalen Gründen, sondern aus der Sorge heraus, ein eigenständiges Tschechien sähe sich mit einem geeinten deutsch-österreichischen Staat konfrontiert – eine Sorge, die sich zwei Jahrzehnte nach der Erlangung der Unabhängigkeit als berechtigt herausstellte.


Rotes Tuch für Radikale.
Es erstaunt, dass just Masaryk die Rolle des Mitbegründers und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei zufiel. Denn der 1850 bei Hodonín geborene Sohn eines slowakischen Kutschers und eines mährischen Dienstmädchens war ein Spätberufener, dessen Leidenschaft zunächst der Philosophie galt, die er in Wien und Leipzig unter anderem bei Franz Brentano und Edmund Husserl studierte.

Zur Politik kam er über den Umweg der Beschäftigung mit der tschechischen Geschichte, und als frischgebackener Abgeordneter der jungtschechischen Partei im österreichischen Reichsrat Anfang der 1890er-Jahre gab er sich durchaus konziliant. Für radikalere Nationalisten in Prag wiederum war Masaryk ein rotes Tuch, seit er 1886 zwei angeblich aus dem Mittelalter stammende tschechische Epen als Fälschungen denunzierte– zu Recht. Alles in allem schlechte Voraussetzungen für einen Revoluzzer.

Dass die Bemühungen der Tschechen um politische – und sprachliche – Gleichstellung von Ungarn und Deutschböhmen blockiert wurden, ließ auch Masaryks Glauben an eine Reformierbarkeit der Habsburgermonarchie allmählich schwinden, obwohl er als Reichsratsabgeordneter der „Realisten“ von 1900 bis 1914 nach wie vor für eine tschechische Autonomie innerhalb des Gefüges plädierte.

Besonders viele Freunde hatte er in diesen Jahren nicht: Mit den Wiener Regierungskreisen legte er sich 1909 an, als er Dutzende Kroaten und Serben gegen den – ungerechtfertigten – Vorwurf des Hochverrats verteidigte. Mit seinem Einsatz für den jüdischen Angeklagten Leopold Hilsner, dem wegen angeblichen Ritualmords ein Prozess gemacht wurde, machte er sich 1899 bei Antisemiten in Prag und Wien unbeliebt.

Auch für russophile Landsleute, die auf tschechische Selbstbestimmung unter der Ägide Sankt Petersburgs hofften, hatte er nichts übrig – anders als die meisten Russland-Schwärmer. „Russland ist, was Europa war“, schrieb Masaryk in seinem 1913 erschienenen Werk „Russland und Europa“.

Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bewirkte den Bruch mit dem Status quo: Der Beweggrund war laut Snyder die Erkenntnis, dass „es nach dem Krieg ohnehin einen vereinten deutschen Nationalstaat geben würde“. Das schützende Dach der Donaumonarchie war zum Einsturz verdammt.

Seine erste politische Salve feuerte Masaryk im Juli 1915 in Genf ab, wo er Anfang des Jahres gestrandet war, nachdem ihm in der Heimat die Verhaftung gedroht hatte: Anlässlich des 500.Jahrestags der Verbrennung des tschechischen Luther-Vorläufers Jan Hus sprach er sich erstmals öffentlich für die nationale Unabhängigkeit Tschechiens aus.

Doch die Schweiz blieb nur Zwischenstation: Masaryk reiste nach London, wo er an der Gründung des tschechoslowakischen Nationalrats mitwirkte, und 1917 weiter nach Russland, wo er an der Organisation der tschechoslowakischen Exilarmee beteiligt war. 1918 brach Masaryk – mittlerweile 68 Jahre alt – mit der transsibirischen Bahn nach Wladiwostok auf und querte den Pazifik. Sein Ziel war Washington: Am 19.Juni 1918 traf er mit Woodrow Wilson zusammen und konnte den US-Präsidenten im Laufe von mehreren Unterredungen davon überzeugen, dass an der geordneten Abwicklung Österreich-Ungarns kein Weg vorbeiführt.

Das Ziel war am 18.Oktober erreicht: Mit Rückendeckung Wilsons rief Masaryk in der sogenannten Washingtoner Deklaration einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat aus – wenige Tage zuvor hatte sein Mitstreiter Edvard Beneš in Paris den tschechoslowakischen Nationalrat zur provisorischen Regierung umgebildet. Militärisch an die Wand gedrängt, akzeptierte Wien am 28. Oktober die Forderung – es war das Ende der Donaumonarchie und der Anfang der Tschechoslowakei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2014)