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Volle Ambulanzen: Überfüllte Spitäler, leere Ordinationen

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Nicht fehlende Wochenenddienste der Hausärzte, sondern All-inclusive-Denken der Bürger sorge demnach für volle Spitäler und hohe Kosten. Lösungsvorschlag: eine neue Ambulanzgebühr.

Wien. Österreichs öffentliche Spitäler wickelten 2010 nicht weniger als 17,1 Mio. Patientenkontakte ab. Dadurch entstanden Kosten in der Höhe von 1,6 Mrd. Euro. So steht es im aktuellsten Gesundheitsjahrbuch der Statistik Austria. Tendenz: seit Jahren steigend.

Während überlastete Ambulanzärzte und viele Gesundheitspolitiker fehlende Angebote im niedergelassenen Bereich dafür verantwortlich machen, regt sich nun in der Gruppe der Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag Ärger über diese Argumentation. Vor allem auf dem Land will man den unfreiwilligen Erhalt des Schwarzen Peters nicht mehr akzeptieren. Verantwortlich dafür, dass Spitalsambulanzen immer mehr die medizinische Grundversorgung übernehmen, seien nämlich die Patienten selbst. Meistens jedenfalls. So lautet die ohne Schuldzuweisungen vorgetragene Kritik des Österreichischen Hausärzteverbands (ÖHV) an den eigenen Kunden.

Am angeblich fehlenden Angebot zu Randzeiten kann es zumindest außerhalb Wiens nicht liegen. Nach bisher nicht publizierten Daten der Ärztekammer sind nämlich nachts, an Wochenenden und Feiertagen bundesweit immerhin 20 Prozent der 3936 Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag im Dienst. Diese Daten stehen nicht nur im Widerspruch zu den Aussagen zahlreicher Gesundheitspolitiker. Auch der Sprecher der Patientenanwälte, Gerald Bachinger, hat Ende Oktober 2013 im „Kurier“ bemängelt, dass es „vor allem in den Nachtstunden und an den Wochenenden keine ausreichende medizinische Versorgung gibt“. Bei zahlreichen Mitgliedern des Hausärzteverbands hat das für (nicht öffentlich geäußerten) Ärger gesorgt.

Setzt sich der Trend zum Ambulanzbesuch auch bei kleineren Wehwehchen fort, wird sich das ändern. Um sich nicht dem Vorwurf der Geldgier auszusetzen, sagt es noch niemand, aber: Letztendlich nagt das Patientenverhalten beharrlich an der finanziellen Grundlage vieler Praxen. Hausärzte mit Kassenvertrag sind von der Versicherung nämlich dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Diensten zu Randzeiten zu machen. Für diese gibt es zum Beispiel in Niederösterreich einen 24-Stunden-Sockelbetrag in der Höhe von 180 Euro. Abzüglich aller Abgaben und Versicherungen auf dem Niveau eines Angestellten bleiben so unter dem Strich 2,91 Euro netto pro Stunde. Exklusive der Aufwendungen für Ordination oder den Hausbesuch.

 

Teure Technik statt ärztlicher Diagnose

„Die Patienten fahren auf ihrem Weg zur Ambulanz immer häufiger an unseren Ordinationen vorbei, obwohl wir vertraglich dazu verpflichtet sind, anwesend zu sein.“ So beschreibt Wolfgang Geppert, Sprecher des von Parteien und Kammer unabhängigen Hausärzteverbands, die Situation aus seiner Sicht. Was er dabei nicht direkt ausspricht, aber so meint: Für ihn und seine Kollegen geht es letztendlich ums wirtschaftliche Überleben. Wenn Patienten lieber in Ambulanzen anstatt zum diensthabenden Arzt fahren, wird dessen Ordination irgendwann unwirtschaftlich.

Die aus den Budgets der Länder und des Bundes bezahlten Ambulanzen sind dabei übermächtige Gegner. Viele Patienten ziehen dem persönlichen Gespräch mit dem Vertrauensarzt inzwischen das Rundumservice mit Blutbild, EKG und Co. vor. Sicher ist sicher, ein objektiver Messwert einer Maschine verlässlicher als die Erfahrung des Arztes, so der Gedanke, der oftmals dahintersteht.

Medizinisch begründbar ist das nicht. Ehemalige Ambulanzärzte wie der Buchautor Paul Brandenburg ziehen jedoch aus dem Erlebten ihre Schlüsse: „Wenn Sie die Wahl haben, meiden Sie jedes Krankenhaus!“

Dabei argumentieren Geppert und Brandenburg an der Wirklichkeit vorbei. Untersuchungen zeigen, dass die Mehrzahl der Ambulanzpatienten vor allem wegen Banalitäten die für viel Geld errichteten Spitäler besuchen. Ganze 58 Prozent kommen wegen einfacher Erkrankungen oder zur Nachsorge. Notfälle, für die Ambulanzen eigentlich da sind, sind mit 42 Prozent in der Minderheit. Mit allen Konsequenzen für die von allen Versicherten finanzierten Kostenträger. In den Statistiken des Hauptverbands der Sozialversicherungen findet man beispielsweise die Information, dass pro E-Card-Kontakt beim Hausarzt im Durchschnitt 14,23 Euro von der Kasse zum Mediziner wandern. In einer Ambulanz sind es im Mittel 92,20 Euro.

Um die vielen Selbsteinweisungen in den Griff zu bekommen, schlägt Hausärzte-Sprecher Geppert einen für hiesige Verhältnisse radikalen Schritt vor: Mit der Diagnose soll nachträglich bewertet werden, ob der Ambulanzbesuch medizinisch gerechtfertigt war. War er es nicht, könnte eine moderate Gebühr fällig werden. Italien etwa lebe ganz gut damit. In Österreich gab es zuletzt im November innerhalb der Ärztekammer eine hitzige Debatte über die Wiedereinführung einer Ambulanzgebühr zur Steuerung der Patientenströme.

>> Leitartikel von Karl Ettinger

20 Prozent.
So hoch ist der Anteil an Österreichs Hausärzten, die an Wochenenden Dienst machen.

93 Euro.
Durchschnittliche Belastung einer E-Card in einer Ambulanz. Beim Hausarzt sind es 14,23 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2014)