PRO: Wenn Abgeordnete in der Lage sind (wären), intellektuell anspruchsvolle Materien zu durchdringen, kann man diese Fähigkeit getrost auch Bürgern unterstellen.
In Italien war das Volk aufgerufen, vier Fragen zur Embryonenforschung zu beantworten. In einigen EU-Staaten mussten Bürger ein Urteil über die EU-Verfassung fällen. Gibt es Themen, die zu kompliziert sind, um sie dem Volk vorzulegen?
Es ist die bequeme Haltung selbstge rechter Eliten, deren Demokratie bedürfnis durch die rituelle Wiederkehr parlamentarischer Wahlen alle vier Jahre zur Genüge gedeckt ist: Das Volk auch zwischendurch um seine Meinung zu fragen, halten die modernen Patrizier grundsätzlich für überflüssig. Dabei geben sie sich gerne fürsorglich: Es sei der arbeitenden Bevölkerung nicht zuzumuten, über derart komplizierte Sachverhalte wie Embryonenforschung oder Europas Verfassung zu befinden. Wozu wähle man schließlich Volksvertreter? Gegenfrage: Wer sagt, dass ein Parlamentsabgeordneter tatsächlich eher in der Lage ist, schwierige Materien intellektuell zu durchdringen, als ein geistig durchschnittlich begabter Bürger?
Es stimmt schon: Politiker - und ebenso Medien - wären angehalten, diffizile Themen besser zu erklären, wenn man das Volk zur Abstimmung riefe. Doch zuviel Information und Transparenz hat einem Gemeinwesen noch nie geschadet. Im Gegenteil: Je mehr die Bevölkerung eingebunden wird, desto gefestigter und lebendiger ist eine Demokratie. Und keiner soll sagen, dass zu viel direkte Demokratie Entscheidungsprozesse lähme und die Entwicklung hemme. Die Schweizer fahren schon seit geraumer Zeit ganz gut damit - und stimmen neuerdings sogar für die EU.