Thomas Diethart muss den Tourneesieg erst realisieren und teilt das Preisgeld mit seiner Familie. Der 21-Jährige kann bei Olympia eine Medaille gewinnen, sagt Cheftrainer Pointner.
Am 6. Jänner 2014 fügte Thomas Diethart seinem Skiflugmärchen das letzte Kapitel hinzu: Mit dem Sieg in Bischofshofen sicherte sich der 21-Jährige als erst fünfter Debütant in der Geschichte der Vierschanzentournee auch den Gesamtsieg. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Felix Roittner)
"Es ist richtig schön. Zum Schluss hat es sich sehr hinausgezögert, und jetzt bin ich einmal froh, dass es vorbei ist", sagte Diethart, der im Finale einmal mehr Nerven aus Stahl bewies. (c) APA/EPA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
Wie immer stets dabei: Vater Gernot, Mutter Christa und Freundin Anna. Sie alle hatten "Didl" in seinem Bestreben Skispringer zu werden unterstützt, denn die Karriere war keineswegs vorgezeichnet. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Felix Roittner)
Aufgewachsen im Michelhausen im Tullnerfeld startete Diethart im Alter von neun Jahren seine Karriere beim SC Ober St. Veit. Nach dessen Auflösung wechselte der gelernte Industriekaufmann nach Hinzenbach. (c) REUTERS (MICHAEL DALDER)
Der Vater spielte den Chauffeur. Nicht nur einmal übernachtete das Duo aus finanziellen Gründen im Auto. Obgleich aufgrund seiner Herkunft aus dem Flachland als "Exot" verschrien, absolvierte auch Diethart die ÖSV-Schmiede in Stams und lebt inzwischen in Matrei. Und all die Entbehrungen und Anstrengungen sollten sich lohnen. (c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
Vor drei Jahre gab Diethart im Rahmen der Vierschanzentournee sein Weltcup-Debüt. Damals reichte es nur zum 28. (Innsbruck) bzw. 40. Platz (Bischofshofen). In der Zwischenzeit sprang der Niederösterreicher im Continentalcup. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Thomas Bachun)
Im letzten Springen vor der Tournee schickte Cheftrainer Alexander Pointner Michael Hayböck in den Continentalcup, um den siebenten Startplatz für Österreich zu sichern. Zudem fiel Thomas Morgenstern nach seinem schweren Sturz in Titisee-Neustadt aus. Und damit war in Engelberg plötzlich die große Stunde von Thomas Diethart gekommen. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Oliver Lerch)
Mit den Plätzen vier und sechs überzeugte Diethart vollauf und wurde auch für die Tournee nominiert. Dort setzte er gleich zum Auftakt in Oberstdorf seinen Erfolgslauf mit seinem ersten Podestplatz fort. "Ich bin sprachlos, das ist super", stammelte er nach den Sprüngen auf Platz drei in die Mikrofone. (c) REUTERS (MICHAEL DALDER)
Das neue Jahr eröffnete Diethart mit einem Paukenschlag: In Garmisch-Partenkirchen feierte er im sechsten Weltcupantritt seinen ersten Sieg. Der Newcomer mauserte sich plötzlich zum Favoriten. Auf dem Podest dabei: das Glücksschwein aus Plüsch, das nach dem ersten Erfolg vom Vater durch eines aus Fleisch ersetzt wurde. (c) APA/EPA/FREDRIK VON ERICHSEN (FREDRIK VON ERICHSEN)
In Innsbruck mutierte der Wind zum kurzzeitigen Spielverderber. Beim nach einem Durchgang abgebrochenen Bewerb stand bei Diethart aber immerhin ein fünfter Platz zu Buche. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Ch. Kelemen)
Damit war alles angerichtet für ein Traumfinale in Bischofshofen. Mit zwei souveränen Sprüngen sicherte sich Diethart nicht nur den Tages-, sondern auch den Gesamtsieg - den sechsten rot-weiß-roten Erfolg in Serie. (c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
Erster Gratulant im Auslauf war Thomas Morgenstern, der Gesamtzweiter wurde, und gleichzeitig das Idol des Shootingstars ist. (c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
"Er ist physisch von den Sprungkraftwerten her in einem Zustand, den wahrscheinlich keiner im ganzen Feld hat", lobte Cheftrainer Alexander Pointner jenen Mann, der aus dem Stand mit gestreckten Beinen 75 cm hoch springen kann. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Felix Roittner)
Bei einem niederösterreichischen Triumph durfte selbstverständlich auch Landeshauptmann Erwin Pröll als Gratulant nicht fehlen. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Felix Roittner)
Der neue Überflieger aus dem Flachland
Bischofshofen/Wien. So besonnen und ruhig Thomas Diethart auch zum Erfolg bei der Vierschanzentournee abgehoben hatte – als der Triumph nach Sprüngen auf 138,5 und 140 Meter feststand, gab es für seinen Vater kein Halten mehr. Der Polizist sprang in Bischofshofen über die Abzäunung, lief zu seinem Sohn und stieß bei der Umarmung Freudenschreie aus. „Papa geht's schlechter als mir, er muss sich wieder beruhigen“, sagte Österreichs fünfter Tourneesieger in Serie später. Auch er selbst brauche eine Nachdenkpause, das normale Leben warte. „Ich muss realisieren, was da eigentlich los gewesen ist.“
Los war in Bischofshofen einiges. Tränen flossen, Fahnen wurden geschwenkt, und 23.000 Zuschauer stimmten Gassenhauer wie „I am from Austria“ an. Dietharts Überraschungssieg ist für viele, selbst seine Teamkollegen, mehr als nur ein Wintermärchen. Für seine Familie war dieser gewaltige Heimsieg die Bestätigung, auf die sie so lange hingearbeitet hatte.
Nur große Sportler, ob Neuankömmling oder Veteran, gewinnen vor eigenem Publikum, obendrein so souverän. Olympia, ab 7. Februar in Sotschi, ist zweifelsohne auch ein Großereignis, aber vor weitaus anderer Kulisse, mit ganz anderen „Nebengeräuschen“. Wer solche Strapazen durchlebt hat wie Thomas Diethart – etwa 200 Kilometer Anreise zum Training, Nächtigungen im Auto, Schulwechsel, Lehre etc. –, um parallel zum System an die Spitze zu kommen, scheint bestens abgehärtet und vorbereitet.
Das Team der Tourneesieger
Auf sportlicher Ebene müssen für Diethart, der nach Siegen in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck Sechster im Gesamtweltcup ist, nun neue Ziele gesteckt werden. Ob er ab Freitag am Kulm abheben und seine Skiflugpremiere feiern wird, soll erst heute entschieden werden. Dass der Springerzirkus aber wisse, sagt Cheftrainer Alexander Pointner, wer Diethart eigentlich sei und wie gut er springen könne, bedurfte keiner weiteren Erklärung. Auch dass er, trotz aller Dementi, Fixstarter in Sotschi ist, ist kein Geheimnis mehr. Pointner, 43, ließ sich zu einem Satz hinreißen: „Wer die Tournee gewinnt, ist auch bei Olympia für eine Medaille gut.“
Fünf Adler sind bei Olympia startberechtigt. Das „Team der Tourneesieger“ mit Schlierenzauer, Morgenstern, Diethart, Loitzl und Kofler stellt sich trotz mancher Formtiefs von selbst auf.
Gefahr: Geld und Ruhm
Für Diethart bleibt die Familie das höchste Gut. „Selbstverständlich“ werde er einen Teil des Preisgeldes (47.800 Euro) seinem Vater überweisen. Immerhin hat er ihm mit einem Kredit den Start ermöglicht. Den Rest wolle er seiner Schwester („Sie kam oft zu kurz“) geben und anlegen, für die Zukunft.
Das klingt bescheiden für einen, der so kometenhaft in der Weltspitze gelandet ist. Doch der 21-Jährige verlor im größten Augenblick seiner jungen Karriere – er ist erst seit Dezember im ÖSV-Team – nicht die Ruhe. Seine Bodenständigkeit ist weder gespielt noch PR-tauglich verordnet, der Niederösterreicher „tickt“ wirklich so. Der Tourneesieger ist der brave Nachbarssohn von nebenan. Der ÖSV und Pointner wären gut beraten, ihm diese „heile Welt“ zu bewahren. Diethart wäre nicht der erste Jungstar, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen ist und dessen Charakter sich durch Geld und Ruhm verändert hat.
Der coole Shootingstar der Skisprungszene gibt sich vor der heutigen Entscheidung zuversichtlich. Thomas Morgenstern hinterließ den stärksten Eindruck.
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