Seit 90 Jahren leugnet die Türkei den Genozid an den Armeniern. Wer sich der Vergangenheit nicht stellt, sollte keine Zukunft in der EU haben.
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eit 90 Jahren verschließt die Türkei die Augen vor dem dunkelsten Kapitel ih rer Geschichte. Seit 90 Jahren leugnen türkische Regierungen den Völkermord an den Armeniern. Sie streiten jegliche Verantwortung dafür ab, dass ab 1915 türkische Soldaten gezielte "ethnische Säuberungen" durchführten. Sie wollen einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass bis zu 1,5 Millionen Armenier starben, weil sie erschlagen, erschossen oder zu Todesmärschen durch die syrische Wüste gezwungen wurden. "Wo sind denn die Massengräber?", fragen die Apologeten zynisch, anstatt sich bei den Nachfahren zu entschuldigen.
Die nationalistische Realitätsverweigerung grenzt ans Pathologische. Wer die Gräueltaten beim Namen nennt, gerät unter Druck. Als es der Schriftsteller Orhan Pamuk als einer der ersten türkischen Intellektuellen wagte, das Tabu zu brechen, wurde er unverzüglich als "Verräter" gebrandmarkt und Morddrohungen ausgesetzt. Eine offene Debatte wird so unmöglich gemacht. Ausländischen Parlamenten, die erwägen, den Genozid an den Armeniern in Resolutionen zu verurteilen, wird eine Verschlechterung der Beziehungen in Aussicht gestellt.
Das sind Methoden, die einer Demokratie unwürdig und mit Europas Wertegemeinschaft unvereinbar sind. Wer nicht imstande ist, sich seiner Vergangenheit zu stellen, sollte auch keine Zukunft in der EU haben. (Bericht: S. 6)