Wer glaubt, dass Schröder bei der Bundestagswahl noch den Funken einer Chance hat, hängt einer Sonderform magischen Denkens an.
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it dem Rücken zur Wand sei Ger hard Schröder am besten, rau nen Berliner Auguren mit Vorliebe. Zu verdanken hat der deutsche Bundeskanzler diesen geradezu mythischen Ruf des heldenhaften Kämpfers vor allem seinem hauchdünnen Sieg bei der letzten Bundestagswahl. Weit abgeschlagen war der Niedersachse damals hinter Stoiber zurückgelegen, doch die Irak-Krise und die Flut spülten ihn nach oben.
Nicht wenige glauben ernsthaft, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Sie verweisen auf die matte Ausstrahlung der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, sinkende Umfragewerte der Union und den wahltaktischen Instinkt Schröders. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass Merkel sich in den paar Wochen bis zur Bundestagswahl zum Liebling der deutschen Nation mausert. Doch mit 42 : 27 Prozent führt die Union in Meinungsumfragen immer noch komfortabel vor der SPD. So viele Naturkatastrophen und Kriege können gar nicht gleichzeitig ausbrechen, dass sich das noch aufholen ließe.
Wichtigster Garant für den Sieg der CDU ist jedoch die innere Schwäche der SPD. In den vergangenen Monaten hat sich eine krasse Fehlentscheidung an die andere gereiht. Es begann damit, dass Schröder den Parteivorsitz an Franz Müntefering abgab. Aufgabe des spröden Sauerländers hätte es sein sollen, die Partei zusammen- und auf Linie zu halten. Nach 17 Monaten Müntefering ist die SPD immer noch uneins, ob sie Schröders Reformkurs mittragen will oder nicht. Ihre Meisterprüfung in strategischer Unfähigkeit haben Müntefering und Schröder abgelegt, als sie es für geboten befanden, sich ohne Not in Neuwahlen zu stürzen. Damit leiteten sie nicht nur ihre Niederlage ein, sondern auch die Geburt einer neuen Linkspartei, die bei zwölf Prozent liegt.
Gekrönt wird die Kette der Fehlkalkulationen nun damit, dass gerade aus den Reihen der Sozialdemokraten jetzt heftig die Idee einer großen Koalition ventiliert wird. Eine bessere Wahlempfehlung für die linke Konkurrenz ist kaum vorstellbar. Außerdem: Wem an Deutschland liegt, kann sich keine große Koalition wünschen. Denn die Blockade, in die sich nun der rot-grün dominierte Bundestag und die von der Union beherrschte Länderkammer verhakt haben, wäre dann noch viel direkter zu haben: auf Regierungsebene. (Bericht: Seite 5)