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Abseits von Glaube und Ideologien

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Religion und politische Richtungen werden bald keine Orientierung für Menschen mehr sein. Umso wichtiger werden Werte: nicht nur für die Gesellschaft, auch für Politik und Wirtschaft.

Wien. Die politischen Berater der ÖVP und des Team Stronach müssen im vergangenen Wahlkampf einen ähnlichen Gedanken gehabt haben. Erstere setzten ihn eher subtil um, letztere sprachen ihn direkt aus, und zwar bei jeder Wortspende: Werte werden in unserer Gesellschaft immer wichtiger. Während die Volkspartei Optimismus und Weltoffenheit als Tugenden für Österreich plakatierte, sprach Frank Stronach von Wahrheit, Fairness, Transparenz.

Über das Ergebnis der Kampagnen lässt sich streiten. Doch ihr eigentlicher Kern, also die Konzentration auf Werte, ergibt durchaus Sinn. Politische Ideologien oder Religionen werden in Zukunft für die Menschen eine immer geringere Rolle spielen. Umso wichtiger werden andere Richtlinien, an denen sich Personen orientieren können.

Zu diesem Fazit kam die „Arena Analyse“ des Jahres 2014. Das Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners befragt jedes Jahr in Kooperation mit der „Presse“ und der deutschen „Zeit“ Experten, die Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft von innen kennen. Sie sollen beschreiben, welche Themen in Zukunft für die Gesellschaft wichtig sein werden, und welche Probleme und Chancen sich daraus ergeben. Denn eigentlich sind Diskurse der breiten Öffentlichkeit vorhersehbar: Meistens ist das Thema schon mindestens Wochen oder Monate vorher in den jeweiligen Fachkreisen präsent.

 

Für die Zukunft gerüstet sein

Die „Arena Analyse“ will genau solche Diskussionen erkennen, damit Unternehmen rechtzeitig für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet sind. Und eine der Herausforderungen ist es also, Richtlinien des Zusammenlebens für die Zukunft zu finden. Das beginnt beim zwischenmenschlichen Zusammenleben, geht aber viel weiter. Auch die Wirtschaft, ja selbst politische Systeme werden sich bald damit auseinandersetzen müssen.

Aber machen wir erst einmal einen Schritt zurück: Von welchen Werten sprechen die Experten in der „Arena Analyse“ überhaupt?

Vier Hauptkategorien konnten die Studienautoren herausfiltern: Zum Ersten werden Menschen aufgefordert, aufsässig zu sein. Nicht in einem negativen Sinne, sondern als Gegenreaktion zum Mainstream. Sie sollen zum kritischen Denken erzogen werden.

Zum Zweiten wird korrektes Verhalten wichtiger: also Ehrlichkeit und Anständigkeit. Das ist nicht so selbstverständlich wie es klingt. Während früher bestimmte Einladungen noch problemlos angenommen werden konnten, ist jetzt etwa mit dem Anfütterungsverbot geregelt, was erlaubt ist und was nicht. In Zukunft soll der Verhaltenskodex noch strenger werden.

Drittens wird der „generationenübergreifende Altruismus“ eine wichtige Rolle spielen. Und die Weltbevölkerung nimmt weiter zu, die Gesundheits- und Sozialsysteme drohen zu zerbrechen. Der letzte Wert ist die Freiheit – als schmaler Grad zwischen Sozialstaat und individueller Freiheit: Wie viel Spielraum lässt man Staaten zum Schutz vor Terrorangriffen? Und wann hat das Recht auf Privatsphäre Vorrang?

Konkrete Lösungen haben auch die 36 befragten Experten nicht. Allerdings formulierten sie Herausforderungen an Politik, Gesellschaft und Wirtschaft: Die Bevölkerung müsse sich entscheiden, ob sie die „Vereinigten Staaten von Europa“ wolle oder nicht. Das derzeitige System würde langfristig nicht funktionieren. Auch die Wirtschaft wird sich den Werten stellen müssen: Anstand und Ehrlichkeit wird dem Konsumenten wichtiger, auch bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Das müsse auch gelebt werden, eine gute PR-Masche würde nicht ausreichen.

 

Kassenrettungspakete kommen

Die Überalterung der Gesellschaft wird eine Zweiklassenmedizin vorantreiben. Die Wartezeiten würden immer länger. Wer es sich leisten könne, werde sich privat absichern. „Da die Kassen aus machtpolitischen Gründen nicht zusammengelegt werden wollen, werden Kassenrettungspakete nötig werden“, meint ein Experte.

So gesehen wird die Politik bald wieder mit Werten konfrontiert – aber nicht mit jenen ihrer Werbeagentur. Ihr Auftrag: Keine Machtkämpfe zwischen Bund und Ländern, dafür ressortübergreifende Zusammenarbeit. Für mehr Anständigkeit, Freiheit, Generationengerechtigkeit – und Querdenker.

AUF EINEN BLICK

36 Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nahmen an der qualitativen Befragung „Arena Analyse“ teil, etwa Franz Fischler (Präsident des Forum Alpbach), Heinz Mayer (Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Wien), Ulrike Schelander-Sertic (NGO-Expertin), Anton Pelinka (Professor an der Central European Uni in Budapest).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2014)