Analyse: Die Welt, wie Angela Merkel sie sieht

Die CDU-Chefin will Deutschland zurück in die außenpolitische Mitte führen.

Einmal noch hat Gerhard Schröder Gelegenheit, eine herzhafte Kostprobe seines außenpolitischen Stils zum Besten zu geben. Am heutigen Donnerstag kommt Duz-Freund Wladimir Putin nach Berlin. Scherzen, Schulterklopfen und lukrative Geschäfte - einmal noch werden der deutsche Bundeskanzler und der russische Präsident ihre Männerfreundschaft vor den Kameras zelebrieren. Vielleicht ein letztes Mal. Ukrainer und Polen sind verärgert über die Gaspipeline, die der russische Gas-Gigant Gazprom und der deutsche E.ON-Konzern am Meeresgrund der Ostsee verlegen wollen. Schröder ist trotzdem fest entschlossen, das vier Milliarden schwere Projekt durchziehen.

Außenpolitik - das war für ihn stets auch ein Mittel, um der deutschen Großindustrie Türen zu öffnen. Menschenrechtliche Bedenken hatten da stets unter dem Teppich zu verschwinden, sei es in China, sei es in Russland. Und dann hatte Außenpolitik für Schröder noch eine Funktion: eine populistische. Es war im Wahlkampf 2002, als er dieses Potenzial erkannte. Dass er den Irak-Krieg ablehnte und sich mit den USA anlegte, rechnet die Mehrheit der deutschen Bevölkerung dem Bundeskanzler immer noch hoch an. Im Wahlkampf vermied es die Union deshalb, außenpolitische Themen zu forcieren. Auch auf einen Besuch in den USA verzichtete Kanzlerkandidatin Merkel lieber.

Dennoch sind von ihr wesentliche Akzentverlagerungen zu erwarten: Unter Schröder verlor Deutschland seine außenpolitische Mitte. Merkel will dorthin zurück. Gleich gute Beziehung zu den USA und Frankreich - das soll wieder das Ziel der deutschen Diplomatie sein. Unter Schröder war die Balance ins Kippen geraten und eindeutig in Richtung Paris, Moskau und Peking verschoben worden. Auf dem Höhepunkt der Irak-Krise hatte man in Washington nicht ohne Grund den Eindruck, als ließe sich Deutschland dafür einspannen, ein Gegengewicht zu den USA aufzubauen.

Vom Merkel sind nun sanfte Kurskorrekturen zu erwarten. Sie werden sich vor allem in einem veränderten Stil ausdrücken. Auch die CDU-Chefin wird die Beziehungen zu Russland, Frankreich und China pflegen - aber nicht mehr zu Lasten der transatlantischen Achse und nicht mehr kritiklos.

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