Meinung: Eine Lappalie namens Anstand

A
ngesichts des Tsunamis solle man sich doch nicht mit Lappalien wie dem Preis für ein Flugticket beschäftigen, ist zu hören. Wen interessiere bei so vielen Toten und Vermissten, was der Finanzminister so treibt. Warum sollte ausgerechnet Karl-Heinz Grasser in der Holzklasse fliegen müssen, fragen empörte Vielflieger, die sich regelmäßig "upgraden" lassen. "Kleinkariert" sind alle, die sich am Verhalten des Ministers stoßen, wird von zweithöchster Stelle (Andreas Khol) beschieden.

Kleinkariert? Möglich. Trotzdem bleiben drei Fragen offen:

1. Warum kommt ein westlicher Spitzenpolitiker auf die Idee, sich einen nicht unwesentlichen Teil seines Privaturlaubes von einer halbstaatlichen Fluglinie finanzieren zu lassen?

2. Spricht es eigentlich für die Klugheit eines Ministers, der seit knapp zwei Jahren wegen der umstrittenen Finanzierung seines Internet-Auftritts im Kreuzfeuer der Kritik und unter Beobachtung der Justiz steht, sich 1300 Euro schenken zu lassen? Und das von einem Unternehmen, in dem er selbst indirekt den Eigentümer Staat vertritt?

3. Was macht uns eigentlich sicher, dass ein Politiker, der so kurzsichtig handelt, dass er für diese 1300 Euro neuerlich wochenlange Anfeindungen in Kauf nimmt, seine politischen Aufgaben umsichtiger, gewissenhafter und - ja - klüger wahrnimmt?

Eines ist jedenfalls gewiss: Auf all das, was man unter politischem Gespür oder Anstand subsumiert, legt Grasser wenig Wert. Offen ist nur, ob man das bloß für eine Lappalie oder doch für einen wesentlichen Charaktermangel hält.

florian.asamer@diepresse.com


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