Betreuung: Wien, die Stadt der Sozialfälle

Immer mehr Hilfsgelder müssen künftig ausgeschüttet werden.

WIEN. Eine 48-m2-Gemeindewohnung in Ottakring - das war das Zuhause von Angela B. (42). Dort lebte die Friseurin mit ihrem Sohn - bis sie krank wurde. Die Folge: Angie (so nennt man sie) verlor ihren Job. Um Sozialhilfe kümmerte sie sich nicht. "Ich hab nicht gewusst, wo mir der Kopf steht." Fazit: Kein Geld - Delogierung.

"Der Kleine kam in ein Kinderheim." Angie landete im Obdachlosen-Zentrum "Gruft" (Wien-Mariahilf), durchwanderte fünf Heime, ehe sie im "neunerHaus" (3. Bezirk) eine 20-m2-Wohneinheit bezog. Soziale Kontakte pflegt die 42-Jährige nun im "Frauenwohnzimmer" der Caritas (siehe unten). Hier tankt sie Kraft: "Ich möchte wieder als Friseurin arbeiten."

Angies Schicksal ist kein Einzelfall: 3800 Obdachlose werden pro Jahr in Wien betreut. Davon sind rund 20 Prozent weiblich. Weitere 500 bis 1000 Menschen leben auf der Straße.

Welche Zukunftspläne entwickelt die Kommune vor dem Hintergrund stagnierender Obdachlosen-Zahlen? Große Betreuungszentren werden als nicht mehr zeitgemäß eingestuft. Seit 1999 wurden sechs von sieben Zentren geschlossen. Ende 2006 soll die letzte große Anlaufstelle, ein Zentrum für obdachlose Familien (Kastanienallee, Wien-Meidling) aufgelassen werden. Die Unterbringung soll künftig in kleineren Einheiten (betreute Wohnungen etc.) erfolgen.

Auch ein anderes soziales Feld, nämlich die Arbeit mit Behinderten, "ändert sich zusehends", sagt Peter Hacker, Geschäftsführer vom Fonds Soziales Wien (FSW), also jener Stelle, mit der die Stadt soziale Umverteilung koordiniert. Diese Gruppe werde "immer selbstständiger" - dementsprechend müsse es künftig darum gehen, Selbsthilfe zu fördern. Mitte 2006 öffnet etwa im 7. Bezirk ein "Selbstvertretungszentrum".

Aber auch bei der intensiven Betreuung behinderter Menschen geht die Kurve nach oben: 2004 wurden vom FSW 1300 Behinderte voll betreut, 2005 kamen 68 voll betreute Wohnplätze dazu.

Dennoch wird auch Kritik laut. Die Geschäftsführerin des Österreichischen Zivil-Invalidenverbandes Hedwig Schnitzer sieht die Ausgliederung der (städtischen) Sozialagenden in den Fonds Soziales Wien als "Negativbeispiel". Sie beklagt den "Entfall der politischen Kontrolle". Konkreter Kritikpunkt an der Finanzpolitik: Wien sei zwar weiter "Zahler von Leistungen" (Beispiel: Beschäftigungstherapie, Anm.), die dann von Behinderten-Organisationen erbracht werden, aber: "Die ,Tagsätze' selbst sind schon seit Jahrzehnten nicht angepasst worden".

Michael Krispl vom Verein Blickkontakt ergänzt, dass nunmehr der FSW über Finanzhilfen für "Hilfsmittel" (Beispiel: PC mit Sprach-Software) entscheide. Einspruchs-Möglichkeit gebe es keine. Früher habe das Magistrat entschieden, Behinderte konnten gegen eine Abweisung des Hilfsantrags Einspruch erheben. Zum Magistrat könne man jetzt auch gehen, aber: "Ich gehe davon aus, dass dies vielen gar nicht bewusst ist." Mit dem FSW habe man "eine privatwirtschaftliche Schiene eingezogen" - dies wirke sich mitunter als Hürde aus.

Welche Herausforderungen auf die Sozialstadt Wien zukommen, zeigt auch ein Blick auf jene, die unter der Armutsgrenze leben. Diese liegt derzeit bei monatlich 785 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt. Wien weist mit 15 Prozent eine höhere Armutsrate als der Rest von Österreich (13 %) auf. Und immer mehr Menschen kontaktieren die Schuldnerberatung.

Armutsforscherin Karin Heitzmann vom Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuni (WU): "Wien leistet schon jetzt extrem hohe Zahlungen an Sozialhilfe." Dies werde durch einen Vergleich mit Niederösterreich deutlich - einem Land, das in etwa so viele Einwohner wie die Bundeshauptstadt hat: In Wien bekamen 2003 (neuere Vergleichsdaten liegen noch nicht vor) ca. 63.500 Privatleute Sozialhilfe, in NÖ nur 8200.

Und der Bedarf steigt stetig - dies beweisen auch die Zahlen der vom Land unterstützen Haushalte: Im Jahr 2000 bekamen in Wien 20.600 Haushalte pro Monat Sozialhilfe. 2004 zählte man bereits 31.100 Haushalte. Insgesamt gab Wien 2004 rund 198 Mill. Euro für Sozialhilfe aus. Heitzmann: "Entweder Wien hat so große Probleme, oder Wien ist so großzügig."

Gerade der Ländervergleich bringt spezifische Probleme der Großstadt hervor. August Österle, ebenfalls vom Institut für Sozialpolitik, sieht als Spezialist für den Bereich Pflege (Altenbetreuung etc.) Probleme bei der Nachbarschaftshilfe. Diese funktioniere am Land viel besser, als im eher anonymen Ballungsraum Wien.

Hoch brisant für den gesamten Sozialbereich ist die demografische Entwicklung. Wien wird immer älter. Im Alterssegment der über 75-Jährigen erwartet Wien bis zum Jahr 2021 eine Steigerung um 20 Prozent. Prognostiziert wird, dass die Zahl der pflegebedürftigen Senioren von derzeit 121.000 bis 2021 auf 149.000 steigt.

Was muss geschehen? FSW-Geschäftsführer Hacker: "Der europaweite Trend, dass das Durchschnittsalter immer höher wird, zwingt uns zu einer Änderung der Hilfssysteme. Es wird immer mehr Menschen geben, die ihren Alltag nicht selbst gestalten können. Im Bereich Pflege werden wir daher mehr investieren müssen."

Österle wiederum verlangt, dass sich "vor allem in der Langzeitpflege" etwas ändert. Große, anonyme Pflegeheime - Stichwort Lainz-Skandal - seien unzeitgemäß. Überschaubare Einrichtungen müssten ausgebaut werden.

Auch die Wiener SP-Stadtregierung sieht offenbar Änderungsbedarf: Man setzt etwa beim Ausbau der mobilen Pflege an. Gebrechliche Senioren sollen möglichst lange in ihrem eigenen Heim leben können. Auch hier zeichnet sich ein klarer Trend ab: Weg von großen Versorgungseinrichtungen, hin zur individueller Hilfeleistung.

Wie schätzt Sozialstadträtin Renate Brauner die Stadt ein? "Wien ist eine sehr soziale Stadt. Die Wiener haben ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein."


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