Großstadt-Ärger: Lärm und Abgase

Lebensqualität. In Wien lässt sich's leben. In Wien lässt sich raunzen. Plus und Minus einer Millionenstadt. Luft, Wasser, Grünraum, Müll: Wiens Umwelt und Lebensqualität auf demPrüfstand.

Brigitte Gmeiner lässt sich nicht unterkriegen. Sie lebt in Wien und hat freien Blick auf den Wienerwald. Das Neuwaldegger Bad ist keine fünf Minuten entfernt, die Tram in die Stadt ist auch nicht weit. Hier lässt sich's leben, hier lässt sich's genießen: Lebensqualität pur. Und hier, am Stadtrand Wiens, lässt sich Müll trennen.

"Vor 25, 30 Jahren ist alles anders geworden", erinnert sich die heute 59-Jährige. Damals, in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren war sie ihrer Zeit voraus. Heute ist sie es noch immer; oder schon wieder. Was damals anders geworden ist? Das erste Kind war unterwegs und das hat ihren Blick auf die Welt verändert: "Man muss selbst etwas dafür tun, dass den Kindern eine bessere Welt hinterlassen wird." Damals noch unüblich, heute immer weniger üblich, für Gmeiner Alltag: Sie trennt akribisch ihren Hausmüll. Und mehr als das: Sie überlegt sich schon beim Einkaufen, wie sie Müll vermeiden kann.

Solche Gedanken haben immer weniger Saison: Mehrwegflaschen gibt es kaum noch und wo der Mist hinkommt, kümmert immer weniger. Davon zeugt ein wachsender Müllberg: Mehr als eine Million Tonnen Müll sind im Vorjahr in den Abfallcontainern verschwunden. Vier Jahre davor sind es 20.000 Tonnen weniger gewesen. Tendenz: weiter steigend.

Im Alltag fällt dies nicht auf: Die Abfallentsorgung funktioniert gut, auf der Deponie Rautenweg darf - trotz gesetzlicher Einschränkungen - ohne vorige Behandlung noch bis Ende 2008 Mist gelagert werden, Platz ist für drei Millionen Kubikmeter. Betrieben wird die Deponie noch mindestens 15 Jahre - und wird behandelten Müll aufnehmen - Mist also, von dem keine gefährlichen Flüssigkeiten ausfließen können und der mit Erde und Wasser nicht reagieren kann. Gut die Hälfte des Mists der Wiener verschwindet allerdings nicht auf der Deponie, sondern in den Flammen: 550.000 Tonnen Müll werden zu Brennstoff für Müllverbrennungsanlagen. Dieses Vokabel kommt im offiziellen Jargon kaum vor. Es ist von "Fernheizwerken" die Rede - Lieferanten für Fernwärme.

In den Heizbetrieben Wien ist es deshalb nicht ohne Goodwill verfolgt worden, dass die Sammlung des Kunststoffmülls eingeschränkt worden ist. Der Rest des Plastiks landet im Restmüll - und ist, dank des hohen Ölanteils im Kunststoff - wertvoller Brennstoff, der den Heizbetrieben Wien frei Haus zugestellt wird. Ein Widerspruch zur Müllvermeidung, einer der allerdings nur wenige kümmert. Brigitte Gmeiner ärgert das heute noch.

"Wien ist anders", heißt es an den Stadteinfahrten und die Eigenwerbung stimmt auf jeden Fall für die Versorgung mit Wasser: Das Gros des Trinkwassers kommt in Hochquell-Leitungen von Schneeberg und Rax - in der Qualität eines klaren, plätschernden Gebirgsbachs. Im Sommer allerdings kann das Wasser schon einmal knapp werden, wie etwa 2003. In diesen Fällen wird die dritte Leitung aktiviert - sie liefert Wasser aus der Mitterndorfer Senke bei Wiener Neustadt. Das Grundwasser ist belastet (vor allem Nitrat) und muss aufbereitet werden. "Dort", hat ein mittlerweile längst aus der Politik geschiedener Umweltstadtrat verraten, "hätte ich keinen Brunnen machen lassen." Die Entscheidung allerdings ist weit vor dieser Amtszeit gefallen. Der Lobau-Brunnen wird ebenso nur selten angezapft. Die Methoden zur Qualitätssicherung heißen Aufbereiten bzw. Vermischen.

"Ich habe immer schon einen starken Bezug zum Land", erzählt Brigitte Gmeiner, und den hat sie hier, im Westen Wiens, nicht verloren. Die Bäume beim Haus sind die Ausläufer des Wienerwaldes. Um Vogelgezwitscher zu hören, braucht sie nur das Fenster zu öffnen.

Selbstverständlich ist das nicht. Die meisten Bewohner der Stadt leiden unter Lärm. Überwiegend ist die Quelle der Verkehr. Das wird, zumindest kurzfristig, entlang von Gürtel, Südost-Tangente, Wienzeile oder anderen Durchzugs- und Einfallsstraßen auch nicht anders. Projekte wie autofreie Siedlungen mit schlechter Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel zeigen, wie nah in Wien Ideen, Chancen und Verbesserungsbedarf liegen. Wo Straßenverkehr ist, sind auch Abgase: Feinstaub, der in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt hatte, ist nur eine der Substanzen, die der Gesundheit zusetzen. Wenn die Schadstoff-Cocktails in Wien nicht so kräftig den Atem rauben wie etwa in Graz, dann ist das in erster Linie Verdienst des Wetters, nicht der Politik. Und: Dass Brigitte Gmeiner im Grünen und doch in der Großstadt wohnt, ist auch keine Errungenschaft einer Partei, sondern schlicht Politik-ferne Tatsache: Halb Wien ist Grünraum.


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