Quergeschrieben: Eintopf, extra scharf

Fauler Kompromiss - fleißige Richter. Die Politik schiebt die Entscheidung über die Gesamtschule auf den Verfassungsgerichtshof ab.

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ie Geschichte der Gesamtschule ist eine Geschichte voller Missverständ nisse. Die ÖVP hat sie mit den Schlagwort "Eintopfschule" in weiten Teilen der Bevölkerung erfolgreich diskreditiert. In den Köpfen entsteht dadurch folgendes Bild: Alle Kinder, egal ob gescheit oder blöd, sitzen in einer Klasse und lernen dumpf vor sich hin. Dieses starre System führt dazu, dass nicht etwa die gewiefteren Schüler den langsameren helfen, sondern dass die lernschwachen die strebsamen behindern.

Dabei müsste eine moderne Gesamtschule doch wohl eher so aussehen: Alle Kinder zwischen sechs und vierzehn aus einer Gegend gehen jeden Morgen in dasselbe Schulgebäude. Dort stricken, turnen, malen, singen sie gemeinsam. In den Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften sind sie in Leistungsgruppen aufgeteilt. Möglicherweise auch in Geschichte und Geographie. Das hat den Vorteil, dass ein Sprachentalent, dem der Knopf beim Rechnen noch nicht aufgegangen ist, in Deutsch und Englisch nicht unterfordert wird. Ergänzt wird das Angebot übrigens um Förderunterricht für besonders Schwache und Begabtenförderung für die Besten. Beides keine neuen Erfindungen.

Der Eintopf wird also mit drei verschiedenen Gewürzmischungen angeboten: mild, scharf und extra scharf. Wobei ein und dasselbe Kind die Bohnen mit Chili, das Gulasch hingegen ohne Salz serviert bekommen kann.

Organisatorisch ist das vielleicht etwas aufwändiger, aber keine Hexerei. Seit Jahrzehnten gibt es Klassen, in denen die Hälfte Spanisch und die Hälfte Französisch spricht, ein Drittel mit Kollegen aus einer anderen Klasse in der Lateinstunde sitzt, während ihre übrigen Kameraden nähen.

Gewährt eine derartige Gesamtschule also "angemessene Differenzierung" bei den Sekundarschulen? Im Sinne jenes Textes, den in Verfassungsrang festzuschreiben sich Regierung und SPÖ Mittwochabend nach langen Hin und Her endlich geeinigt haben?

Die ÖVP sagt: Nein! SPÖ und Grüne sagen: Ja! Das BZÖ sagt: Angemessen ist, was immer unser geliebter Jörg Haider in seinem schönen Kärnten macht. Die Formulierung ist so ungenau, dass jeder heraus lesen kann, was ihm passt.

Sollte Rot-Grün oder auch Rot-Orange eines Tages die Mehrheit im Parlament haben, werden sie wahrscheinlich umgehend versuchen, die Gesamtschule einzuführen. Und die ÖVP wird dann geschwind zum Verfassungsgerichtshof laufen.

Nun ist die Gesamtschule sicher nicht die Lösung aller Schulprobleme. Viele Reformen, die dringender nötig sind, werden durch die Einigung vom Mittwoch, dass nur mehr für ganz wenige Materien quasi die Zustimmung beider Großparteien notwendig ist, jetzt hoffentlich ermöglicht. Geschmälert wird der Erfolg aber durch den Kompromiss in Sachen Differenzierung. Die Politik hat versagt und schiebt die Entscheidung auf den Verfassungsgerichtshof ab. Ein fauler Kompromiss, der fleißigen Richtern noch viel Arbeit machen wird.

Eva Weissenberger ist Redakteurin des "Falter".

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