"Presse"-Diskussion. Wie können die Berufschancen für Juristen vergrößert werden?
WIEN. Wo studieren Wirtschaftsjuristen am besten? Wie soll eine moderne Rechtsausbildung ausschauen? Diesen Fragen widmeten sich vorige Woche in einer "Presse"-Diskussion Experten vom Juridicum, der Wirtschaftsuniversität und der Praxis. Der Hintergrund: Im Herbst 2006 startet die Wirtschaftsuniversität mit einem eigenen Jusstudium.
"Wir wollen ein Stück Terrain an Arbeitswelt für die Juristen zurück gewinnen", so warb Michael Holoubek, Professor für öffentliches Recht an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), für das neue Studium. Wichtig sei, dass Leute aus der Uni herauskämen, die die heutigen Herausforderungen an Juristen erfüllen können. Möglich werde dies durch das neue WU-Studium, das je zur Hälfte juristische und wirtschaftswissenschaftliche Inhalte vermittle.
"Der Jobmarkt hat sich wesentlich verändert", betonte auch Peter Kunz, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied von Zepra, einem Verein zur Vernetzung von Wissenschaft und Praxis. "Römisches Recht und Rechtsgeschichte sollen als Pflichtfächer fallen", forderte er daher Reformen im klassischen Jusstudium. Statt einer Latein-Pflicht sollten gute Englisch-Kenntnisse verlangt werden. "Tun Sie nicht so, als ob Rechtsgeschichte und Römisches Recht die größten Kriterien in unserem Studium wären", erwiderte Peter Pieler, Studienprogrammleiter der juridischen Fakultät. Die Vorwürfe an das klassische Studium seien zwar partiell sicherlich richtig. "Aber im Grunde genommen haben wir schon jetzt ein besseres Konzept als die WU", meinte der Jus-Professor.
Der Wiener Rechtsanwalt Gottfried Thiery schien mit der Qualitäten des klassischen Jusstudiums hingegen nicht so zufrieden zu sein. "Die Produktivität in den ersten drei Monaten ist gleich null", sagte er über die Kompetenz von frisch eingestellten Absolventen. Sogar die Rechtschreibung der Jungakademiker sei oft erschreckend schlecht.
"Es darf nicht notwendig sein, für einen Beruf ein Doppelstudium zu machen", meinte Bernhard Vanas, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei Deloitte. Momentan hätten aber reine BWL-Absolventen, die sich bei ihm um einen Job bewerben, juristische und sprachliche Mängel. Und Juristen würden sich oft gar nicht bewerben, weil sie Angst vorm Lesen einer Bilanz hätten.
Ein bisschen mehr Wirtschaft im Jusstudium ja, aber nicht zu viel, lautet das Credo von Daniela Urban, Vorsitzende der Fakultätsvertretung Jus. Wer darüber hinaus mehr Wirtschaftsthemen lernen will, solle dies freiwillig machen können. Die Studenten seien mündig genug, um selbst zu wählen. Recht gab Urban die SMS-Abstimmung im Hörsaal. 55,6 Prozent votierten gegen eine verpflichtende Wirtschaftsausbildung im Jusstudium. Ganz anders sieht die Situation Kunz, der Urban prompt widersprach. Denn die Universität habe eine Verantwortung dafür, dass ihre Absolventen einen Job finden. Daher müsse ein starker Wirtschaftsbezug am Juridicum verpflichtend sein.
Natürlich solle die Wirtschaftskompetenz wieder in das klassische Jusstudium zurückkommen, meinte Pieler. "Man muss Tacitus, die Digesten und eine Bilanz lesen können", plädierte er aber für eine umfassende Ausbildung. Für Holoubek ist die Notwendigkeit von mehr Wirtschaftsbezug klar. Daneben müssten auch "Soft skills" wie Verhandlungstechniken unterrichtet werden. Ein Punkt, in dem ihm auch die anderen Diskutanten zustimmten.
Strittig blieb hingegen die Frage, ob die Vorlesungen durch Kurse ersetzt werden sollen. Kunz etwa plädierte für Kurse statt Vorlesungen. Pieler wäre ebenfalls für Kurse statt Vorlesungen. Doch der Gesetzgeber zwinge zu Vorlesungen, bedauerte er. Studentenvertreterin Urban lehnt ein Kurssystem hingegen ab. Das wäre schlecht für Berufstätige. Außerdem fürchtet sie, dass viele Studenten dann aus finanziellen Gründen keinen Kursplatz bekommen würden.