Auf Stöckeln ins Bergrestaurant

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ektionen in Sachen Luxus lässt man sich gern erteilen. Ehe die Worte "in St. Moritz trinkt man Champagner" so richtig eingesickert sind, sind wir schon auf den Pfaden der Schnee-Society unterwegs. Und sitzen in unseren Skipullis und derben Schuhen nicht irgendwo, sondern versinken in streichelweichen Pölstermöbeln im Badrutt's Palace Hotel in St. Moritz. In jener Nobelherberge, wo Gunter Sachs, als er noch Playboy war, in seiner Wohnung im Turm des Palace das Leben feierte, mit schönen Frauen und sportiven Sunnyboys und Menschen, die wussten, dass Luxus immer auch eine Sache der Einstellung und nicht nur der Geldbörse war.

"Cüpli" heißt das Zauberwort: Der Kellner bringt ein Glas Champagner und verzieht keine Miene, als er die Verlegenheit bemerkt. In einem der luxuriösesten Etablissements des weltberühmten Skidorfes stößt man sich nicht an klobigen Schuhen und an vom eisigen Wind geröteten Gesichtern. Auch wenn die Schönheit an der Bar schon ein Fähnchen von einem Cocktailkleid trägt.

Eben noch sind wir von der Corviglia, dem Hausberg von St. Moritz, im Höllentempo abwärts geschossen und haben messerscharfe Linien in die menschenleeren, perfekt präparierten Pisten gegraben. Bei Schlechtwetter treibt es hier nicht viele auf den Berg. Denn sie glauben, es besser zu wissen: St. Moritz ist nicht nur schicker, teurer und glamouröser als andere Skiorte, auch was die Zahl der Sonnentage angeht, ist man hier ungeschlagen. Ein Platz an der Sonne also, in jedem Sinn.

Seit den 30er-Jahren ist das Logo des Ortes im Oberengadin denn auch ein Sonnenemblem. Fünfzig Jahre später kam noch der Slogan "Top of the world" dazu. Unbescheidenheit, dazu steht St. Moritz ganz bewusst. "Davos ist vieles für alle, St. Moritz alles für wenige", lautet der Leitspruch des Kur- und Verkehrsvereins. Ein kleines bisschen Trotz klingt da schon durch, denn auch St. Moritz hat schon bessere Zeiten gesehen. Man bangt, ob auch die junge Generation der Reichen den Ort zu ihrer ständigen Spielwiese im Winter macht.

St. Tropez im Sommer, St. Moritz im Winter - diese Selbstverständlichkeit für den Hochadel und die beste Gesellschaft gilt es gut durch die Jahre zu bringen. Dass St. Moritz an Glanz verloren haben soll, ist allerdings nur schwer zu glauben. Es glitzert und schillert und blinkt und funkelt, auch wenn die endlosen Pisten nicht von Sonnenstrahlen zum Strahlen gebracht werden.

Marschiert man abends in den Ort hinauf, vorbei an den Dutzenden Designerläden, Galerien, Restaurants und Bars, da beeindruckt dieses satte Leuchten, das von St. Moritz ausgeht. Es schließt niemanden aus, auch nicht die Brot-und-Butter-Touristen, wie man jene Deutschen, Italiener und Franzosen nennt, die des Skifahrens wegen kommen und die Nobelherbergen und Haubenmenüs in schicken Bergrestaurants nur vom Hörensagen kennen. Jene sportiven Urlauber eben, die auch im Schneetreiben auf den Corvatsch wollen und nicht im Traum daran dächten, dafür einen Helikopter zu mieten.

Wer abends davon spricht, wie viele schwarze Pisten er bezwungen hat, müsse ein Deutscher sein, lautet das Klischee im Ort. (Es gibt insgesamt 35 schwarze Pisten.) Lieber das, ist man versucht zu sagen, als den Klischees der anderen St. Moritzer "Typen" zu entsprechen. Der jungen Dame im Pelz etwa, die sich in Designerklamotten und Stöckelschuhen zum Gourmetmenü ins Bergrestaurant bringen lässt oder den grauen Löwen mit den schweren Uhren am Handgelenk, deren Augen längst nicht mehr auf ihren mageren Begleiterinnen ruhen.

Auch vom Klischee der reichen Russen, die eine Juwelierauslage leer kaufen, kann man sich hier überzeugen. Oder die britischen Exzentriker, die den Tag mit dem Cresta Run beginnen, sich mit flachen Schlitten in den Eiskanal stürzen und die Shuttlecock-Kurve für den wahren Test des Charakters halten, auch die gibt es wirklich. Aber auch Normalsterbliche können sich hier unter Führung des St. Moritz Tobogganing Club in die Kurve legen. Wenn sie es wünschen.

Abseits der Glamour-Show gibt es in St. Moritz auch den anderen, den wahren Luxus. Zum Beispiel im Morgengrauen um den zugefrorenen See laufen, bis die eiskalte Champagnerluft die Haut zum Prickeln bringt und man vom Sauerstoff beschwipst ist. Oder einfach nur aus dem Fenster schauen und die kleinen schwarzen Pünktchen im schneeweißen Oval des zugefrorenen Sees in Bewegung sehen. Im Uhrzeigersinn, natürlich, zumindest die meisten.

Trotz aller Weltläufigkeit sind wir hier immer noch in der Schweiz. Es ist auch Luxus, auf 350 Kilometer Ski- und Snowboardpisten relativ ungestört seine Spuren ziehen zu können, im Tiefschnee oder auf weitgeschwungenen Hängen, wie geschaffen für Carving-Fans.

Gute Bedingungen für Sportler schafft hier übrigens der Club Med in St. Moritz Bad. Skiausrüstung und Skikurse sind ebenso inklusive wie Vollpension, Kinderbetreuung und die volle Wellness-Palette von Sauna bis zum Swimmingpool. Die Abendshows und der typische Animationscharakter von Club Med sind zwar nicht jedermanns Sache - aber wer will, kann sich an den Gourmet-Buffets delektieren und den Zirkus Zirkus sein lassen. Nimm, was du willst und das andere lass bleiben. Vielleicht ist das die unaufdringlichste Form von Luxus.

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